Zeitschrift, Mittelalter 2008/3

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Beschreibung

Elisabeth Crettaz-Stürzel: «Ripaille 1900»: entre résidence féodale et «country house» bourgeoise – Résultats d’une nouvelle étude du château

Valentine Chaudet: «Bourg extérieur» (Äussere Stadt) von Lutry und ihr mittelalterlicher Hafen

 

e-periodica.ch/2008/3

 

„Ripaille 1900“: entre résidence féodale et „country house“ bourgeoise – Résultats d’une nouvelle étude du château

Das Schloss von Ripaille bei Thonon-les-Bains in Hoch-Savoyen wurde 1892–1907 restauriert. Es diente dem reichen Elsässer Textilindustriellen Frédéric Engel-Gros aus Mulhouse als Zweitwohnungssitz. Er selbst residierte in Basel-Gundeldingen. Für die Restaurierung von Schloss Ripaille berief er zwei Schweizer Architekten, Frédéric de Morsier von Genf und Charles Schulé ursprünglich ebenfalls aus Genf, der sich aber in Mulhouse etabliert hatte.

In der Folge wandelte sich das Schloss Ripaille, im 15. Jh. am Ufer des Genfersees erbaut, von der herzöglichen Residenz Amédeé VIII von Savoyen in ein bürgerliches Landhaus. Heinrich Angst, Freund von Engel-Gros, Kunsthändler und erster Direktor des Schweizerischen Landesmuseum und seine  hatte grossen Einfluss auf die künstlerische Innenaustattung des Schlosses. Die Künstler-Equipe (Regl, Hinnen, Bertuch und Schmidt) des Landesmuseums kopierte zahlreiche Objekte des Museums und baute sie in Schloss Ripaille ein.

Als Leitmotiv diente das Spätmittelalter aus der Perspektive von Arts and Crafts, L’Art Nouveau (Jugendstil) und des Heimatstils. Bemerkenswert ist der hohe hygienische Komfort mit WCs englischer Herkunft (Georges Jennings, London); wohl eines der ersten Schlösser Frankreichts mit derartigem Ausstattung. Was Schloss Ripaille von 1900 auszeichnet, ist sein hervorragender Erhaltungszustand. Die künstlerische Ausstattung der Modernisierung von 1900 ist bis auf wenige Details noch am Ort inklusive der Haustechnik wie Leitungen, Zentralheizung, Küche und Badzimmer. Der Originalzustand von Schloss Ripaille von 1900 ist einzigartig im Vergleich zu anderen Bauten dieser Epoche, die zu Vergleichszwecken in Europa untersucht wurden.

 

«Bourg extérieur» (Äussere Stadt) von Lutry und ihr mittelalterlicher Hafen

Die archäologischen Untersuchungen, die 1999 und 2000 im Südwesten der mittelalterlichen Stadt von Lutry durchgeführt wurden, bringen neue Erkenntnisse zur Entwicklung der mittelalterlichen Uferlinie und zur Stadterweiterung. Vor der Mitte des 13. Jh. scheint die Entwicklung der Vorstadt, die sich westlich des Stadtkernes befindet, weit fortgeschritten zu sein. Der Bereich der künftigen «bourg éxterieur» enthält bereits einen Hafen. Die «äussere Stadt» von Lutry ist deshalb keine Neugründung, obwohl sie seit dem 16. Jh. als «bourg neuf» bezeichnet wird.

Das Freilegen einer Reihe von Pfählen eines Wellenbrechers im See, die sich dendrochronologisch auf die Zeit um 1280 datieren lassen, erlaubt so den Bau der Stadtmauer in diesem Bereich auf die Zeit des ausgehenden 13. Jh. anzusetzen. Die Stadtmauer ist in Art einer Mole in den See hinausgebaut. Sie schützt eine weite Fläche vor Wind und Wellen, die ohne Zweifel als Hafen benützt wurde.

Oberhalb des Hafens befinden sich mehrere Mauerzüge, die sich zu einem grossen Rechteck ergänzen lassen, das als Stapelhallen interpretiert wird. Am Südende der Mole wurde eine Plattform freigelegt, die als Fundament eines Wehrturmes diente. Dieser in Schriftquellen erwähnte Turm ergänzt die vermutete Hafeneinrichtung und wurde wohl als Kontrollpunkt für den hier vorbeiziehenden Warenverkehr benutzt. Alle diese Bauten scheinen die Vorläufer von jenen Stapelhallen und jenes Hafens zu sein, die später im Osten der «äusseren Stadt» liegen und in den Schriftquellen erwähnt werden.