Zeitschrift, Mittelalter 2005/4

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Beschreibung

Louis Necker: Neue Forschungen zu Schloss von Ripaille, der ehemaligen Residenz der Savoyer

Laetitia Toullec: Burg und Städtchen Yvoire

Véronique Levert: Neue Forschungsergebnisse aus dem Château-Vieux von Allinges

 

e-periodica.ch/2005/4

 

Neue Forschungen zu Schloss von Ripaille, der ehemaligen Residenz der Savoyer

Das Schloss von Ripaille liegt auf einer klimatisch begünstigten Halbinsel am Südufer des Genfersees. Seit spätestens dem 13. Jh. schätzte die Familie von Savoyen diesen Ort als Jagdrevier und Graf Amédée VI. liess um 1371 hier eine Burg errichten, von der heute keine Spuren mehr zu sehen sind.

Um 1434 erbaute an seiner Stelle Herzog Amédée VIII. das heute noch bestehenden Schloss mit sieben Türmen. Entsprechend seinem sehr religiösen und mönchsähnlichem Leben, entstand hier eine Anlage, die den Prinzipien eines Kartäuserklosters entsprach: An die Burg des Herzogs wurden im Grunde sechs kleine Burgen mit je einem Turm angebaut – für jeden der sechs mit ihm zusammenlebenden Ritter eine burgähnliche Zelle.

Nach massiven Beschädigungen im Verlauf der Religionskriege wurde Ripaille zu Beginn des 17. Jhs. zu einem Kartäuserkloster mit Zellentrakt (Einzelzellen für die Mönche), Kirche und Verwaltungsgebäuden für die Gutsverwaltung der Klostergüter ausgebaut. Nach der Französischen Revolution wurde das Kloster als Nationalgut an den napoloenischen General Dupas verkauft. Er und seine Nachkommen bewohnten zwar im 19. Jh. Kloster und Schloss, doch liessen sie die Gebäude mangels Finanzen verfallen.

1892 erwarb Frédéric Engel-Gross, ein elsässischer Industrielle, das Schloss und kaufte in der Folgezeit allmählich die verstückelten Parzellen der ehemaligen Schlossdomäne zusammen, um daraus einen heute noch landschaftlich wertvollen Park einrichten zu können. 1892 bis 1903 wurden die Gebäude von Schloss Ripaille nach den damals vorhandenen Informationen und Vorstellungen über den mittelalterlichen Burgenbau rekonstruiert. Daraus entstand eine Stilmischung von Jugendstil (Art Nouveau) und Neo-Gotik.

Lange Zeit interessierten sich Besucher und Historiker mehr für die aus dem Mittelalter erhalten gebliebenen Teile als für die Veränderungen der nachfolgenden Epochen. Erst in jüngster Zeit wird das “Gesamtkunstwerk” aus der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jh. gewürdigt, zu dem die Architekten William Morris aus England oder Max Laeuger aus Deutschland viel beigetragen haben. Die jüngsten Forschungen zu Schloss Ripaille zeigen denn, dass der Industrielle und sein Architekt, Charles Schulé, für ihre Rekonstruktion die Ideen von Violett-le-Duc als Vorbild nahmen und daraus für Ripaille nicht ein Wieder-Aufbauen der mittelalterlichen Burg erreichten, sondern eine Neuschöpfung, bei der neue Formen und Techniken mit Elementen aus der Vergangenheit verbunden wurden.

 

Burg und Städtchen Yvoire

Die Zeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert war für die Herrschaftsbildung rund um den Genfersee eine sehr aktive Zeit. Alle angrenzenden Herrschaften trachteten danach, den kontinentalen Handelsweg von Italien nach Frankreich, Burgund und dem Deutschen Reich unter ihre Kontrolle zu bringen. Gegen Ende des 13. Jhs. versuchten die adligen Herrschaftsfamilien um den Genfersee mit allen Mitteln zu Handelshäfen am See und zu einem entsprechend geschlossenen Territorium zu kommen. Die unklaren Grenzen führten am Südufer des Genfersees in der Folge zu Kriegen zwischen den Grafen von Savoyen und den Grafen von Genevois und den Herren von Faucigny.

Graf Amédée V. von Savoyen (1285–1323) gründete oder befestigte in dieser Zeit eine Anzahl von Orten am Genfersee: 1285/85 Morges, 1295 Rives (bei Thonon), 1302 La Trouvière und 1318 Rolle. Zu dieser Serie gehört auch Yvoire, in dessen Besitz die Savoyer 1306 durch Tausch mit den Herren von Compey gelangten. Seine Gegenspieler waren auch nicht untätig geblieben: Gaillard, Lullin, Coppet, Bonne en Faucigny entstanden zur selben Zeit.

Zwischen Nernier und Rovorée liegt Yvoire weit in den See hinausgeschoben am günstigsten Punkt des Südufers. Von hier aus liess sich der gesamte Schiffsverkehr zwischen dem „kleinen See“ (Coppet, Versoix, Hermance und Genf) und dem „grossen See“ (Rolle, Thonon, Lausanne, Evian, Vevey und Chillon) beobachten; Ziel der Savoyer war es, den Einfluss Genf gegen Osten einzudämmen.

Zwischen 1306 und  etwa 1316 wurde die nun savoyische Ortschaft Yvorne mit Stadtmauern und Toren befestigt (Abb. 2 und 3). Ein schon vorbestehendes Festes Haus an der Spitze der Halbinsel wurde 1324/25 zur Burg ausgebaut (Abb.1).

Aus den uns erhalten gebliebenen Abrechnungen der savoyischen Kastellane sind wir heute gut über den Bau der Stadtbefestigung und Burg informiert. An Bauholz erwähnt sind z.B. Eiche, Tanne und Nussbaum, an Bausteinen Molassesandstein (von Nyon und Coppet) und Tuff. Die Herkunft der Materialien liegt um den ganzen See verteilt, ebenso die der am Bau beschäftigten Handwerker (Abb. 4 und 5).

Von der mittelalterlichen Burg ist lediglich die Aussenhülle des Hauptturmes erhalten geblieben – 1925 wurde das Turminnere für damalige Verhältnisse komfortabel ausgebaut (Abb. 1). Obwohl in der Parzellierung die mittelalterliche Stadt noch gut erkennbar ist (Abb. 6), ist von der originalen Bausubstand lediglich das Maison Canton – benannt nach einem Besitzer um 1730 – erhalten geblieben: Ein turmartiges Gebäude mit Grundriss von 10 x 12 m und zwei Stockwerken, gedeckt mit einem (in der Form) originalen Pyramidendach (Abb 7).

 

Neue Forschungsergebnisse aus dem Château-Vieux von Allinges

Südlich von Thonon-les-Bains (Haute-Savoie) erheben sich auf einem weitherum sichtbaren Hügel zwei Burgruinen: das Château-Neuf und das Château-Vieux d’Allinges, beide kaum 150 m voneinander entfernt und durch einen Graben getrennt.

Eine der beiden Burgen ist 1073 urkundlich in Besitz der Familie d’Allinges bezeugt; es wird deshalb angenommen, dass hier eine der Residenzen dieser Familie lag, die seit dem 10. Jh. am Südufer des Genfersees aktiv war. Um 1200 wird ein Morand als sovoyischer Kastellan von Château-Neuf und 1203 ein Kastellan der Herren von Faucigny auf Château-Vieux erwähnt; zu Beginn des 13. Jhs. bestanden also auf dem Hügel zwei Burgen (von verfeindeten Parteien!).

Neuere historische und bauarchäologische Untersuchungen beschäftigten sich mit dem Château-Vieux, das aus (älteren) Oberburg und einer (jüngeren) Unterburg besteht (vgl. Abb. 6).

Zur ältesten Burganlage aus dem 12. Jh. gehören die gezinnte Umfassungsmauer F7, die Kapelle F16 und vermutlich ein Bergfried (tour maîtraisse, F5), von dem allerdings heute nur noch eine Wand aufrecht steht; die übrigen Mauerzüge liegen noch unter Schutt.

Die zweite Bauphase lässt sich wiederum am besten an den erhaltenen Teilen der Ringmauer (F5, F7) ablesen; die Mauern wurden erhöht. Die regelmässigen Reihen von Balkenlöchern (trous de poutres) an der Aussenseite der Ringmauer deuten auf das Vorhandensein von Hurden hin (vgl. Abb. 5).

In der dritten Bauphase (13. Jh.) wird die Burg durch die Unterburg erweitert (F19–F27). Und die Ringmauer der Oberburg wird mit einer vorgelagerten Zwingermauer (fausse-braie) geschützt.

In der vierten Bauphase (1. Hälfte 14. Jh.) wird die Ringmauer der Oberburg nochmals erhöht. In einem Liegenschaftsverzeichnis von 1339 wird die Oberburg genauer beschrieben. So befand sich in der hier etwa eine aula und eine camera, also der Residenz- und der Wohnraum des Kastellans. Und in den Unterburg werden Ställe und Scheunen erwähnt, deutliche Zeichen für ein herrschafliches Verwaltungszentrum.