Zeitschrift, Mittelalter 2022/1

Christoph Reding: Das Dorf – eine Würdigung

Anita Springer: Die bauhistorische Inventarisierung des Dorfes Muttenz BL

Lukas Richner: Burggasse 4 (Kastentext)

Nora Näf: Muttenz BL, Burggasse 8 – das älteste Haus im Baselbiet von 1417/18 (d)

Claudia Spiess: Muttenz BL, Hauptstrasse 25 – das älteste Bauernhaus der Nordwestschweiz von 1473 (d)

 

Das Dorf – eine Würdigung

Obwohl sich tausende von Dörfern über die Schweizer Landschaften verteilen, ist kaum eines davon in seiner räumlichen und zeitlichen Gesamtheit mittelalterarchäologisch untersucht. Aufgrund der grossen Anzahl dieser Gemeinwesen, der Vielzahl an sich darin vereinenden Forschungsdisziplinen sowie der Wichtigkeit dieser Lebenszellen in der heutigen Raumentwicklung erstaunt dies. Dabei glänzen die Dörfer mit ihrer über 1000-jährigen und noch längeren Vergangenheit mit grosser Standorttradition und Beständigkeit. Aufgrund des grossen Baudrucks durch die aktuell vonstattengehende Siedlungsentwicklung nach innen ist der Umgang mit der aufgehenden Bausubstanz für die zuständigen Fachstellen eine Herausforderung. Dies auch deswegen, weil bei der Erfassung der Gebäudeinventare in der Regel eine Beurteilung des Hausinnern fehlt. Im Kanton Basel-Landschaft hat die Gemeinde Muttenz daher entschieden, ein entsprechend vollständiges Inventar der Dorfkernzone zu erheben, das der kommenden Zonenplanrevision als eine Grundlage dienen soll. Entsprechend hat sich die Archäologie Baselland zum Ziel gesetzt, diese Gemeinde über fünf Jahre zu ihrem Schwerpunkt der bauarchäologischen Arbeiten zu machen. Dies auch, weil in Muttenz in den vergangenen Jahren für die Nordwestschweiz einzigartige Gebäude des 15. Jh. nachgewiesen werden konnten.

 

Die bauhistorische Inventarisierung des Dorfes Muttenz BL

Das bauhistorische Inventar der Kernzone des Dorfes Muttenz, einer Agglomerationsgemeinde der Stadt Basel, brachte aufgrund der Begehung eines Grossteils der Gebäude einen überraschenden Reichtum an historischer Gebäudesubstanz zu Tage, die teilweise bis ins 15. Jh. zurückreicht. 80 Prozent der auf dem historischen Dorfprospekt von Georg Friedrich Meyer aus dem Jahre 1678 dargestellten Häuser sind heute zu einem gewissen Grad in ihrem Bestand noch erhalten. Damit ist das vorwiegend unter bauarchäologischen Gesichtspunkten neu entstandene Inventar eine wichtige und in Bezug auf die zunehmende Siedlungsverdichtung nach Innen nötige Ergänzung zu den bisherigen Hausinventaren. Die Quantität der dokumentierten Gebäude erlaubt zudem, mit Hilfe der Datierungen und der relativen Bauabfolgen die Siedlungsentwicklung der letzten fünfhundert Jahre nachzuzeichnen. Der im Vergleich zu den anderen Baselbieter Dörfern um rund 100 bis 150 Jahre früher vollzogene Wechsel vom Holzständerbau zum Steingebäude bewahrte zahlreiche Zeugen der Holzbauweise u. a. durch deren Ummauerung. Die ärgsten Substanzverluste fanden ab der 2. Hälfte des 19. Jh. mit dem Ausbau von Ökonomien statt, ausgelöst unter anderem durch den Rückgang des Rebbaus, sowie vor allem gegen Ende des 20. Jh. durch Grossüberbauungen mit Wohn- und Geschäftskomplexen. Dennoch zeigt sich der Dorfkern – 1983 mit dem Wakkerpreis geehrt – heute noch mit vielseitigem, in vier typische Gebäudearten gruppiertem Bestand. Neben dem dreiachsigen Bauernhaus als Hauptrepräsentant finden sich zweiachsige Bauernhäuser – wohl von Rebbauern – und einachsige Wohnhäuser für Arbeiter. Häufig anzutreffen ist zudem der ortstypische so genannte Kellerbau, wohl dem Weinbau zu verdanken. Spätestens seit dem 16. Jh. nahm die Bebauung bereits die ganze Ausdehnung des Dorfetters in Anspruch. Das Dorf wuchs ab diesem Zeitpunkt also nicht von der Kirche als historischem Zentrum durch Ausdehnung entlang der Ausfallstrassen, sondern durch ständige Verdichtung der über den gesamten Etter verteilten lockeren Überbauung. Diese Erkenntnisse ermöglichen nun, im Zuge der anlaufenden Zonenplanrevision des Dorfkerns die bisherigen Schutzkonzepte zu überprüfen. Das Inventar liefert zudem den Hauseigentümern und den Behörden eine Investitions- und Planungssicherheit.

 

Muttenz BL, Burggasse 8 – das älteste Haus im Baselbiet von 1417/18 (d)

Bei der Liegenschaft Burggasse 8 in Muttenz handelt es sich um das älteste noch bestehende, nicht herrschaftliche Gebäude des Kantons Basel-Landschaft. Entdeckt wurde es dank Umbaumassnahmen, die zu einer bauarchäologischen Untersuchung führten. Der Kernbau aus dem Jahre 1417/18 (d) ist aus heutiger Sicht in Ausmass und Ausstattung ein eher bescheidenes Haus. Es handelt sich um einen zweigeschossigen Hochfirstständerbau mit einer Grundfläche von 5,4 auf 6,4 m und einem Satteldach. Dank geringer nachfolgender Umbauten hat sich relativ viel Substanz aus der Bauzeit erhalten, unter anderem der aus mit Lehm ummantelten Staken bestehende Südgiebel mitsamt einer schmalen Rauchöffnung. Auffallend sind das flache Dach sowie die Deckenkonstruktion des Erdgeschosses, die in ihrer Machart für das restliche Gebäude übertrieben massiv erscheint und auch statisch zu Problemen führte. Im Laufe der Jahrhunderte kamen vier Anbauten hinzu. Die ursprüngliche Funktion des Kernbaus blieb auch nach Abschluss der Bauuntersuchung aufgrund der wenig eindeutigen Nutzungsspuren unklar. Denkbar wäre eine Nutzung als Werkstatt oder eine Art Lagerraum.

Im Jahre 1602/03 (d) wurde der Holzbau versteinert und im Obergeschoss mit einer Wand ein Vorraum von der Kammer abgetrennt. Spätestens jetzt war das Obergeschoss bewohnt. Von der jahrhundertelangen Wohnnutzung erzählen hier auch diverse Kleinfunde, die unter dem Bretterboden der Kammer gefunden wurden, wie zum Beispiel ein absichtlich deponierter Kinderschuh aus der Mitte des 19. Jh.

 

Muttenz BL, Hauptstrasse 25 – das älteste Bauernhaus der Nordwestschweiz von 1473 (d)

Bei Umbauarbeiten an einem Bauernhaus an der Hauptstrasse 25 in Muttenz BL wurde 2018 ein noch in weiten Teilen gut erhaltenes Hochständergerüst von 1473 (d) dokumentiert. Es handelt sich dabei um einen wichtigen bauarchäologischen Befund, da hiermit das älteste bekannte Bauernhaus des Baselbietes nachgewiesen werden konnte. Bemerkenswert ist zudem, dass beim Bau des Bauernhauses ein mittelalterlicher Steinbau einbezogen und dessen Ausrichtung übernommen wurde. Dieser ältere, gestelzte Steinbau mit Halbkeller datiert deutlich vor 1472 und bildete die Auflage für die Konstruktionshölzer der Längsachsen des Hochständerbaus. Das im Grundriss 12 auf 18 m messende und 11 m hohe Gebäude besteht aus drei Nutzungsachsen mit einem Wohnteil, einem Tenn und dem Stallteil. Die Bauhölzer stammen aus dem Herbst / Winter 1472/1473 (d). Der ältere Steinbau, der Wohnteil und die Ökonomie waren einst von einem gemeinsamen Dach überdeckt. Im Wohnteil waren zur Strasse hin eine Stube und wahrscheinlich eine Nebenstube untergebracht. Rückwärtig lag eine grosszügige, bis in den Dachraum offene Rauchküche. Dass der Wohnteil und der ältere Steinbau zusammengehörten, zeigen einerseits der 1487 (d) geschaffene Hocheingang in den Steinbau und andererseits der später gebaute direkte Zugang in dessen Balkenkeller. Um 1515 (d) begann in einem ersten Schritt die Versteinerung des Wohnteils. Mit dem Abgrenzen eines Flurs durch eine gemauerte Wand wurde auf die Nebenstube verzichtet, dafür wurde ein rauchfreier direkter Zugang in die Stube und zu den gleichzeitig im Obergeschoss von der Rauchküche abgetrennten Kammern geschaffen. In einem zweiten Schritt ersetzte man die Strassen- und Hoffassade mit Mauerwerk und zog gleichzeitig 1577 (d) über der Rauchküche Deckenbalken ein. Hinweise zur Innenausstattung sind wenige erhalten geblieben. Spätere Umbauten folgten um 1640 und weitere im 18. und 19. Jh., z.B. mit dem Einbau eines Gewölbekellers.

Mit dieser Neuentdeckung zeigt sich, dass die Grundstruktur des Bauernhauses von 1473 die bekannten Formen des 16. Jh. in Bauweise und Volumen bereits vorwegnimmt. Damit ist es in der Nordwestschweiz erstmals geglückt, ein konkreteres Bild vom Aussehen eines regionalen spätmittelalterlichen Bauernhauses zu gewinnen.

 

PDF Zeitschrift Mittelalter 2022/1

 

Zeitschrift, Mittelalter 2021/4

Christian Auf der Mauer, Alissa Cuipers: Giswil, Am Kaiserstuhl: Ein Siedlungsplatz im Wandel. Gruben, Wohnhaus und Kalkbrennofen am Brünigsaumweg zwischen Mittelalter und Frühneuzeit

Evelyne Marty: «Laicheibli» – Analyse und Typologie der Schabmadonnen-Funde aus den Grabungen der Jahre 2018–2019 auf dem Klosterplatz in Einsiedeln

 

Giswil, Am Kaiserstuhl: Ein Siedlungsplatz im Wandel. Gruben, Wohnhaus und Kalkbrennofen am Brünigsaumweg zwischen Mittelalter und Frühneuzeit

Infolge der geplanten Schüttung des Tunnelabraums der Umfahrungsstrasse Kaiserstuhl liessen sich im Taleinschnitt südlich des Hofs Am Kaiserstuhl durch archäologische Untersuchungen Zeugnisse einer ab spätmittelalterlichen Zeit einsetzenden Besiedlung nachweisen. Beim südlichen Ausläufer der westlichen Hügelkuppe wurden Siedlungsreste in Form von Gruben freigelegt, die neben Resten eines Keramikensembles aus der Zeit um 1300 und dem 14. Jh. auch ein Fragment eines sandsteinernen Fenstergewändes enthielten. Der Standort der Siedlung ist auf der Hangterrasse zu vermuten. Ein Brand zerstörte in der zweiten Hälfte des 16. Jh. ein dazugehörendes Gebäude, das einzelne mit Wandlehm ausgefachte Wände aufgewiesen haben muss. Diese erste Siedlung steht wohl im Zusammenhang mit dem Landesausbau im ausgehenden Hochmittelalter der auch die höher liegenden Gebiete um 600 m ü. M. erfasste.

Weiter südlich konnten Reste des Sockelgeschosses eines um 1600 erbauten Wohnhauses freigelegt werden. Die Mauern wurden über den ausplanierten Resten des Vorgängergebäudes errichtet. Vermutlich war nur das Vorderhaus mit einem Sockelgeschoss versehen, während das Hinterhaus auf dem anstehenden Felsen oder auf einem Mauerkranz auflag. Im Befund konnte eine dreiteilige Raumdisposition nachgewiesen werden, wobei die Funktion der Räume schwierig zu interpretieren ist. Beim östlichen Raum B mit Mörtelboden ist eine Verwendung als Verkaufsladen oder als Milchkeller denkbar. Keramik-, Metall- und Glasgefässe verweisen auf eine für die ländliche Gegend durchschnittliche, aber durchaus nicht ärmliche Bewohnerschaft. Truhen- und Kästchenbestandteile geben einen Einblick in das mobile Sachgut zwischen Spätmittelalter und Frühneuzeit. Die Nähe zum Brünig-Saumweg zeigt sich aufgrund der Münzfunde; insbesondere die niederländische Münze hat Seltenheitswert in unseren Gegenden.

Die Aufgabe des Gebäudes gegen Ende des 17. Jh. verdeutlicht sich durch das Fehlen von Keramik mit mehrfarbigem bzw. linearem Malhorndekor, Laufdekor und anderen sich im Laufe der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ausbreitenden Keramiktypen. Mögliche Gründe für die geringe Nutzungsdauer des Gebäudes sind der Standort am Hang mit Rutschtendenz des Sockels, eine instabile Bauweise aufgrund unsorgfältiger Mörtelanwendung im Sockelmauerwerk oder auch die schattige und windige Lage. Ein Rückbau mit anschliessender Translozierung der Holzkonstruktion ist angesichts der geringmächtigen Auflassungsschichten in Betracht zu ziehen.

Der südlich des Wohnhauses erstellte Kalkbrennofen scheint gemäss der ältesten C14-datierten Holzkohleschicht im Brennraum in etwa zeitgleich mit der Auflassung des Wohnhauses genutzt worden zu sein. Eine frühere Erbauung des Ofens ist gemäss den zur Bauzeit des Ofens gehörenden Funden jedoch nicht auszuschliessen.

Die hier vorgestellten Befunde und Funde gewähren einen Einblick in eine Epoche des Kantons Obwalden, die bislang aus archäologischer Sicht nur in Ansätzen nachzuvollziehen ist. Sie sind für die siedlungshistorische Forschung ein Glücksfall, gelten sie doch als ein wichtiger Informationsträger angesichts der die lokalen Lebensweisen und Siedlungsvorgänge kaum abbildenden, historischen Schriftquellen des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit.

 

«Laicheibli» – Analyse und Typologie der Schabmadonnen-Funde aus den Grabungen der Jahre 2018–2019 auf dem Klosterplatz in Einsiedeln

Die so genannten «Laicheibli», Nachbildungen der Schwarzen Madonna aus Lehm, gehörten über mehrere hundert Jahre zum Wallfahrtsbetrieb in Einsiedeln. Zuerst wurden sie im Kloster an die gläubigen Pilger verschenkt, später auch in den Krämerläden auf dem Klosterplatz verkauft. Laut Angaben des Klosters seien denjenigen Schabmadonnen aus der Produktion des Klosters zusätzlich weitere Materialien beigemischt worden, um ihnen eine heiltätige Wirkung zu verleihen.

Die vielfältige und weit verbreitete Nutzung der Schabmadonnen bezeugt ihre Beliebtheit zwischen dem 17. und 20. Jh., wobei sich eine genaue Datierung als schwierig gestaltet. Sie wurden nicht nur zu ihrem primären Verwendungszweck, dem Abschaben, verwendet, sondern galten auch vergraben, am Körper getragen oder in der Wohnung aufgestellt als wundertätig. So dienten sie als Heilmittel oder als Schutzgegenstand und gehörten wohl in den Bereich von praktischem Glauben.

Die vielen Funde vom Klosterplatz ermöglichen es, die Schabmadonnen systematisch zu untersuchen. Besonders aufschlussreich sind dabei die Abdrücke auf der Rückseite: Verschiedene Elemente rund um Maria oder Einsiedeln werden unterschiedlich kombiniert. Zudem können die Funde Informationen über den Hersteller beinhalten (Kloster und Dorfbewohner). Da letztere jedoch stets versucht haben, die Schabmadonnen vom Kloster nachzuahmen, stellt sich eine definitive Zuordnung der einzelnen Figuren meist als schwierig dar. Die Schabmadonnen aus Einsiedeln bilden demnach eine Fundgruppe mit Erkenntnispotenzial, und trotz den Resultaten in diesem Artikel sind weiterführende Analysen vielversprechend und geplant.

 

PDF Zeitschrift Mittelalter 2021/4

Zeitschrift, Mittelalter 2021/3

Kühmatt – eine spätmittelalterliche / frühneuzeitliche Siedlung und ihr Abgang.

Archäologie auf einem Siedlungsplatz im Alpenraum

von Jakob Obrecht und Werner Bellwald, mit einem Beitrag von Elisabeth Marti-Grädel

Auf 1630 m ü. M. liegt im oberen Lötschental der Weiler Kühmatt (Gemeinde Blatten,VS). In der Umgebung findet man an die 30 Standorte einstiger Gebäude. Im August 2019 legte ein Team ehrenamtlich arbeitender ArchäologInnen und Freiwilliger teilweise vier Ruinen frei. Die von der Kantonsarchäologie VS bewilligte und 14 Tage dauernde Ausgrabung wurde privat finanziert. Die Auswertung der teils überraschend vielen Funde unterstützten die Loterie Romande, die Ernst Göhner Stiftung und eine anonym bleibend wollende Basler Stiftung mit namhaften Beiträgen.

Die zeitlich kurze und inhaltlich weitgehend terra incognita beschreitende Grabung erzielte trotz schwieriger Rahmenbedingungen vielfältige und neue Erkenntnisse. Die untersuchten Grundrisse decken eine typologische Vielfalt ab: Sockelgeschoss von Ökonomiebauten, übliches Wohnhaus, repräsentatives Wohnhaus mit mörtelgebundenem Mauerwerk oder Sakralbau. Die Anfänge der Dauersiedlung konnten ins 13. Jh. datiert werden. Das umfangreiche und teils erstaunliche Fundmaterial (Flintstein, Fensterglas, eine überraschende Menge an Tierknochen, Silbermünzen) weist auf alles andere als die vielzitierte Abgeschlossenheit eines Bergtales hin. Doch sorgte der überwiegende Gebrauch von Holzgeräten in einer nach Selbstversorgung tendierenden Kultur dafür, dass es im alltäglichen Umlauf wenig Keramik gab, wohl auch wenig Eisen (dessen Fehlen in den Funden allerdings auch auf dem Rezyklieren des wertvollen Materials beruht). Zudem wurden bei der Aufgabe der Siedlung mitsamt den zerlegten Blockbauten wohl auch alle noch so abgenutzten Gebrauchsobjekte mittransportiert.

Die Auflassung des hochgelegenen Weilers Kühmatt begann ab der zweiten Hälfte des 17. Jh. Hinweise auf ein Naturereignis (Felssturz, Steinschlag, Lawine) oder auf einen der damals häufigen Dorfbrände gibt es nicht. Das Ausdünnen der Funde im 18. und deren gänzliches Ausbleiben im 19. Jh. weist auf ein geordnetes, schrittweises Verlassen der Siedlung. Grund dafür ist, zusätzlich zu möglichen Lawinenunglücken, die kontinuierliche klimatische Ungunst der Kleinen Eiszeit. Die Bevölkerung weicht in das zwei Kilometer talauswärts und 100 Höhenmeter tiefer gelegene Hauptdorf Blatten zurück, das im Zuge einer Verdichtung der bisherigen Streusiedlungslandschaft zum Hauptdorf avanciert. Die letzten Wohnhäuser von Kühmatt werden um 1850/60 zerlegt und talabwärts transportiert – aus dem während Jahrhunderten bewohnten Weiler wird ein temporär genutztes Maiensäss.

 

PDF Zeitschrift Mittelalter 2021/3

Band 2021/49

Carola Jäggi, Andrea Rumo, Sabine Sommerer (Hrsg.): Platz Da! Der öffentliche Platz in der mittelalterlichen Stadt

 

In der Forschung sind mittelalterliche Platzanlagen als Orte von Öffentlichkeit und Herrschaftsrepräsentation, als „Schauplätze“ von Ritualen und sozialen Interaktionen in jüngster Zeit vielfach thematisiert worden. Im vorliegenden Band sind zu diesem Thema 16 Beiträge einer Tagung von 2017 in Zürich zusammengetragen worden, umrahmt von einer Einleitung und einem Epilog. Es werden die jeweiligen Freiflächen in ihrer Genese im konkreten urbanistischen Kontext verglichen.

Das Junktim von Platz und Öffentlichkeit hat allerdings zu einer etwas einseitigen Betonung des Bühnencharakters von Plätzen geführt und dabei bisweilen die Genese und Materialität der konkreten Plätze aus dem Blick verloren. Nur selten wurde danach gefragt, wann, wo und durch wen Plätze angelegt wurden, durch welche physischen Elemente sie begrenzt wurden, woher sie zugänglich waren, wie die Platzfläche befestigt war und wie sich ihr physisches Erscheinungsbild durch die Jahrhunderte hindurch veränderte. Gab es innerhalb ein und derselben Stadt zur gleichen Zeit Plätze unterschiedlicher Funktion, die sich durch Lage und Binnendisposition unterschieden? Wann und wo entstanden Plätze infolge obrigkeitlicher Anordnungen, wo hingegen mehr oder weniger ungeplant durch den schieren Gebrauch einer einst peripheren Freifläche? Wie haben sich Plätze und ihre Funktion auf die Genese der ganzen Stadt ausgewirkt? Wie lassen sich regionale und überregionale Unterschiede in Bezug auf Platzkonzepte erklären?

In der Tagung ging um Plätze als physische Elemente im Gefüge mittelalterlicher Städte. Anders als in der historischen Stadtforschung wird nicht nach den Orten von Öffentlichkeit gefragt und von da aus der Blick auf die Plätze gerichtet, sondern – gerade umgekehrt – von den Plätzen ausgehend nach deren Genese, Nutzungsspektrum und Erscheinungsbild gefragt werden. Ganz bewusst werdem einzelne Städte als  Untersuchungseinheiten in den Blick genommen und die jeweiligen städtischen Freiflächen in ihrem Werden und Funktionieren im konkreten urbanistischen Kontext verglichen. Dass dafür archäologische Befunde genauso wie historische Quellen herangezogen werden, versteht sich von selbst.

Zeitschrift, Mittelalter 2021/2

Iris Hutter: Schloss Altenklingen – ein Werkstattbericht aus der Burgen und Schlossforschung

Harald Derschka: Die Abtei Reichenau und der Thurgau

Martin Peter Schindler: Der schildförmige Anhänger von Degersheim SG, Bubental

 

Schloss Altenklingen – ein Werkstattbericht aus der Burgen- und Schlossforschung

Das Schloss Altenklingen bei Märstetten im Thurgau wird von der Autorin im Rahmen eines Dissertationsprojektes an der Universität Zürich erstmals bauarchäologisch untersucht werden. Die drei untersuchten Anlagen – die Ruine Altenburg, die Burg Klingen und das Schloss Altenklingen – sind gänzlich verschieden, auch in Bezug auf die Möglichkeit ihrer Untersuchung. Die Ruine Altenburg wurde 2014/15 letztmals archäologisch untersucht und kann im Rahmen der Dissertation ausgewertet werden. Die Burg Klingen, wohl eine hochmittelalterliche Ersatzanlage für die Ruine, wurde rund 600 Meter entfernt der Altenburg errichtet. Von der Burg Klingen gibt es bis heute kein Zeugnis. Das Schloss Altenklingen hingegen besteht noch. Es befindet sich in Privatbesitz und wurde bisher nicht genauer untersucht. Im Rahmen der Dissertation wird es möglich sein, das Schloss erstmals systematisch zu dokumentieren.

 

Die Abtei Reichenau und der Thurgau

Für 2024 plant das Land Baden-Württemberg eine Landesausstellung anlässlich des 1300. Gründungsjubiläums der Abtei Reichenau. Reichenau ist Teil des UNESCO-Welterbes, dank einer karolingerzeitlichen Grosskirche, einem einzigartigen ottonischen Wandbilderzyklus und einer Reihe von Handschriften, die zu den Spitzenleistungen der mittelalterlichen Buchkunst zählen.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Reichenau für die Nordostschweiz, zumal für den Thurgau, denselben Stellenwert besitzt wie für Südwestdeutschland: Das Thurgauer Unterseeufer mit Teilen des Seerückens und einige Gebieten um Frauenfeld gehörten zur Reichenauer Niedergerichtsherrschaft. Weit über den Thurgau hinaus finden sich Reichenauer Lehen, meist landwirtschaftliche Nutzflächen, daneben aber auch Burgen mit Herrschaftsrechten. Reichenau war also in der Ostschweiz durchaus ein Machtfaktor.

 

Der schildförmige Anhänger von Degersheim SG, Bubental

Der Einzelfund stammt von Bubental (Degersheim SG). Das Stück aus Buntmetall ist stark beschädigt und korrodiert. Es besitzt die Form eines mandelförmigen Schildes, ist auf der Schauseite vergoldet und zeigt fragmentarische Ornamente. Die internationale Recherche ergibt eine Liste von nur 11 vergleichbaren Anhängern. Die Form geht auf reale Reiterschilde zurück. Ihre Datierung reicht vom späteren 12. bis ins fortgeschrittene 13. Jh. Der Typ wurde durch Anhänger in Form von Dreieckschilden abgelöst, welche im 13. und 14. Jh. häufig waren.

Das nur fragmentarisch erhaltene Wappen des Bubentaler Stücks wird als dreilätzige Fahne bzw. als Gonfanon interpretiert. Das führt direkt zum Adelsgeschlecht der Grafen von Tübingen, von Montfort und von Werdenberg.

Der Nachweis des Wappens der «Grafen von der Fahne» weckt Assoziationen zur Geschichte der Abtei St. Gallen und des Toggenburgs. Ein Zusammenhang zwischen dem Verlust des Stücks und den historisch überlieferten Ereignissen ist möglich, aber nicht beweisbar.

Vom St. Galler Kantonsgebiet sind noch drei weitere mittelalterliche Pferdegeschirranhänger bekannt: Ein durchbrochener runder Anhänger von der Procha Burg (Wartau SG), und zwei Anhänger in Form eines Dreiecksschilds von der Alttoggenburg (Kirchberg SG) und der Neutoggenburg (Oberhelfenschwil SG).

 

PDF Zeitschrift Mittelalter 2021/2

Zeitschrift, Mittelalter 2021/1

Jakob Obrecht: Schänis SG, Burgruine Niederwindegg – Bericht über die bauarchäologische Untersuchung und die Konservierung der Ruine 2020

Jonathan Frey: Das Klischee stimmt! Zehn Thesen zu Waffen aus Burgen

 

Schänis SG, Burgruine Niederwindegg 

Im Auftrag der Ortsgemeinde Schänis als Eigentümerin wurden die noch maximal 12 m hoch erhaltenen Mauern des nordwestlichen Gebäudekomplexes der Burgruine Niederwindegg im Sommerhalbjahr 2020 bauarchäologisch dokumentiert und bautech­nisch konserviert. Die Untersuchungen an den drei erhaltenen, U-förmig angelegten Mauern der stark beschädigten und in der unteren Hälfte beinahe vollständig ihrer Mauermäntel beraubten Ruine, lieferten überraschende Resultate. Urkundlich erwähnt wird die Burg erstmals um 1230. Die zwei in Resten erhaltenen Eck­verbände aus bossierten Tuffsteinquadern weisen auf eine Bauzeit der Anlage um die Mitte des 13. Jh. hin. Laut schriftlichen Quellen soll die Burg in der Mitte des 15. Jh. eingestürzt sein. Anschliessend wurde sie, wie am heutigen Mauerbestand deutlich abzulesen ist, bis in das 19. Jh. als Steinbruch genutzt.

Die längste Mauer des U-förmigen Grundrisses verläuft entlang der südwestlichen Kante des vorgelagerten Grabens. Sie besitzt fünf Öffnungen: drei im Erdgeschoss, zwei im Obergeschoss. Darin waren nicht Fenster, sondern Schiessscharten eingebaut. Die Anordnung der fünf Schiessöffnungen, aus denen der Graben und der Gegenhang unter Beschuss genommen werden konnten, ist für eine Burganlage des 13. Jh. aussergewöhnlich. Das Ganze erinnert eher an eine für Pulverwaffen konzipierte Festung des 16. Jh. Auf Grund der Beobachtungen am bestehenden Mauerwerk ist sogar denkbar, dass der rückwärtige an die drei Mauern anschliessende Teil der Anlage aus Holz gezimmert war.

 

Das Klischee stimmt! – Zehn Thesen zu Waffen aus Burgen

Die materielle Sachkultur in den Burgen und Schlössern der Schweiz wurde seit längerer Zeit nicht mehr in vergleichender Weise behandelt. Um den Rahmen nicht zu sprengen, beschränkt sich der vorliegende Beitrag auf das Thema Waffen. Anstelle einer umfassenden Auseinandersetzung mit allen Waffenfunden auf Schweizer Burgen werden ausgewählte Beobachtungen herausgegriffen und mit anderen archäologischen Fundkontexten vor allem in Städten verglichen. Aus diesen stichwortartigen Beobachtungen entspringen die folgenden zehn Thesen:

1. Burgen liefern die wichtigsten Bodenfunde zur Waffengeschichte des Mittelalters in der Schweiz.

2. Burgen mit verhältnismässig vielen Waffen sind meistens unmittelbar nach einem Kriegsereignis oder einer Brand- oder Naturkatastrophe aufgelassen worden.

3. Selbst in Burgen mit verhältnismässig wenig Waffenfunden können diese in qualitativer Hinsicht von grosser Bedeutung sein. Oder: Qualität statt Quantität.

4. Das Potential der Waffenfunde aus Schweizer Burgen ist noch längst nicht ausgeschöpft.

5. Neben Burgen können auch Stadtwüstungen bedeutende Bodenfunde von Waffen liefern. Dabei können Menge und Aussagekraft durchaus mit dem Fundgut aus Burgen vergleichbar sein.

6. Wenn in spätmittelalterlichen Brand- oder Auflassungsschichten von Städten Teile von Schutzbewaffnung vorkommen, dann handelt es sich dabei meistens um Ringpanzerfragmente (Abb. 4). Im Unterschied zu den Burgen sind die Fragmente aber viel kleiner.

7. Sind im archäologischen Fundgut einer Burg eher wenig Waffen vorhanden, dann handelt es sich bei diesen mehrheitlich um Geschossspitzen (Abb.2).

8. Ab dem 17. Jh. nimmt die Anzahl der Waffenfunde aus Schweizer Burgen tendenziell ab.

9. Burgen und Schlösser stellen in der Neuzeit in der Schweiz keine bevorzugten Kriegsschauplätze mehr dar. Dies spiegelt sich im archäologischen Fundbild direkt wider.

10. Im Verlauf der fortgeschrittenen Neuzeit werden gewisse Bestandteile von Waffen tendenziell vermehrt sekundär im Haushalt genutzt.

 

PDF Zeitschrift Mittelalter 2021/1

Zeitschrift, Mittelalter 2020/4

Miriam Bertschi: Brodlaubegass 15, Stein am Rhein

Lukas Högl, Joe Rohrer: Neue und alte Beobachtungen am Turm der Burg Alt-Süns GR

 

e-periodica.ch/2020/4

 

Brodlaubegass 15, Stein am Rhein

Die Liegenschaft Brodlaubegass 15 in Stein am Rhein präsentiert sich heute als unscheinbarer, zweigeschossiger Bau mit hohem Dach. Bei der Sanierung von 2018 bis 2020 konnte das Gebäude untersucht und eine Baugeschichte mit sieben Hauptphasen erarbeitet werden.

 

Neue und alte Beobachtungen am Turm der Burg Alt-Süns GR

Die Beobachtungen an der Mauerkrone der Ruine Alt-Sünd wurden ausschliesslich anhand von Fotos, die von einer Drohne erstellt wurden, gemacht. Neben der direkten Bewertung dieser Fotos wurden daraus auch virtuelle 3D Modelle von der obersten Mauerpartie und ein Übersichtsbild errechnet. Mit der Technik Structure from Motion werden von einer Software übereinstimmende Punkte auf einer Fotoserie gesucht und daraus zuerst die Kamerapositionen und in einigen Verarbeitungsschritten ein farbiges 3D Modell des Objektes generiert. Davon lassen sich wiederum verzerrungsfreie Ansichten herstellen. Spannender ist aber das virtuelle Modell selber, da dort die räumlichen Zusammenhänge erhalten bleiben. Richtig skaliert und ausgerichtet, kann es nun auf verschiedene Arten analysiert werden. Streiflicht kann helfen ungewöhnliche Erhebungen oder Löcher im Mauerwerk zu finden. Die Projektion von Farbverläufen auf die Oberflächen dient dem selben Zweck. Hypothetische Ergänzungen lassen sich direkt auf das Modell konstruieren und im Zusammenhang diskutieren.

Dieses Vorgehen erlaubte es ohne grossen Aufwand, die sonst unzugänglichen Stellen, welche durch den Zerfall am stärksten bedroht sind, in Augenschein zu nehmen. Da es sich um ein Verfahren handelt, welches auf Fototechnik beruht, kommt man bei den überwachsenen Bereichen aber schnell an Grenzen. Auch ist es wichtig, dass für die Aufnahmen gute Lichtbedingungen herrschen. Von der Qualität und Menge der Vorlagenbilder, hängt schlussendlich die Qualität des Modells ab.

Band 1974/1

Werner Meyer: Die Burgruine Alt-Wartburg im Kanton Aargau. Bericht über die Forschungen 1966/67

 

1966/67 wurde die Ruine von Alt-Wartburg über Olten vom Schutt befreit und archäologisch untersucht. Für die Forschung interessant ist der terminus ante quem der Zerstörung, die chronikalisch mehrfach für das Jahr 1415 erwähnt wird. Funde und Befunde zeigen einen Siedlungsbeginn im 11. Jh. an, die erhaltenen Mauern stammen aus dem 12. Jh., dem in der 2. Hälfte des 13. Jh. ein Ausbau folgte; weitere bauliche Veränderungen fanden im 14. Jh. statt, bis 1415 die Burg im Rahmen der Eroberungen des Aargaus durch die Berner erobert, geplündert und durch Brand zerstört wurde.

Das Fundspektrum zeigt nicht den gesamten Bereich des Hausrates einer mittelalterlichen Burg, da bei der Plünderung 1415 vieles verschwand, was sich leicht wegtragen liess. Um so eindrücklicher war die Fundserie der Ofenkacheln, die sich von unglasierten Becherkacheln über Napfkacheln bis zu den Medaillonkacheln mit Zubehör wie Gesims- und Kranzkacheln erstreckt. Aber auch hier zeigte sich das Wüten der Eroberer: praktisch kein Medaillon ist vollständig erhalten, die meisten sind zerschlagen worden. Der ausführlichen Darstellung des archäologischen Befundes schliesst sich ein Kapitel zur Besitz- und Herrschaftsgeschichte an.

 

 

Band 2020/48

Gabi Meier Mohamed: Burgruine Hünenberg im Kanton Zug. Archäologie, Geschichte und vom „Geräusch rollender Steine“

Inhalt:

I.        Einleitung und methodische Ansätze
II.      Topografie und Geologie
III.    Vorgeschichte
IV.     Zu den Herren von Hünenberg
V.       Rezeptions-, Forschungs- und Restaurierungsgeschichte
VI.     Geoarchäologische Untersuchungen
VII.    Bauetappenabfolge und Rekonstruktionsversuche
VIII.  Untersuchungen im Umgelände der Burg
IX.     Burg Hünenberg als Baustelle
X.       Die Funde
XI.     Untersuchungen an Tier- und Pflanzenresten

Band 2018/46

Simon Hardmeier: Altreu im Mittelalter. Eine Stadtwüstung im Kanton Solothurn

 

Die Publikation berichtet über alle bisherigen archäologischen Untersuchungen in Altreu und vermittelt einen Einblick vom Leben in einer ländlichen Kleinstadt des 13. und 14. Jahrhunderts.

Mit der Stadtbefestigung, der Stadtburg und den zur Gasse hin orientierten Wohnbauten verfügte Altreu über alle Elemente einer mittelalterlichen Stadt. Nach einer Brandkatastrophe in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde das Städtchen aufgegeben und geriet in Vergessenheit.