Zeitschrift, Mittelalter 2012/3

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Beschreibung

Christoph Rösch: Stadtburgen neu betrachtet – am Beispiel von Sempach und Sursee

Peter Eggenberger: Sursee: ein herrschaftliches Steinhaus am Obertor

Christian Auf der Maur: Der früh­ bis hochmittelalterliche Strassenbau in Sursee. Beispiele von Sursee­ Mülihof und St. Urbanhof

 

e-periodica.ch/2012/3

 

Stadtburgen neu betrachtet – am Beispiel von Sempach und Sursee

Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds und der Kantonsarchäologie Luzern getragenen Projektes «Archäologie des Früh- bis Spätmittelalters am Sempachersee – Frühgeschichte einer Städtelandschaft im Alpenvorland» kann der Frage der Stadtburgen in den Gründungsstädten Sempach und Sursee nachgegangen werden.

Die Auswertung einer Bauuntersuchung am Hexenturm in Sempach zeigt auf, dass es sich bei diesem Gebäude nicht um einen Wehrturm, sondern um einen Wohnturm handelte, der zusammen mit der Stadtmauer errichtet wurde. Der Hexenturm ist als Stadtburg anzusprechen, die entgegen älterer Ansichten nicht im Rathaus zu suchen ist.

Die Analyse schriftlicher und archäologischer Quellen und bauhistorischer Beobachtungen lassen im markanten Surseer Murihof die Stadtburg erkennen. Der Murihof ist auf das «Grosse Haus» der Herzöge von Habsburg-Österreich zurückzuführen, das sie im späteren 14. Jh. als Lehen vergaben.

Tatsächlich handelt es sich beim Murihof um ein ausgesprochen grosszügiges Gebäude, das vor oder mit der Stadtmauer errichtet wurde.

Der Sempacher Hexenturm und der Murihof zeichnen sich durch ihre erhöhte Stelle an einer Ecke oder Randposition im Stadtgefüge aus. Eine Position die fast regelhaft für Stadtburgen von Gründstädten feststellbar ist. Dieser Standort wurde erst mit dem Aufbau der städtischen Infrastruktur festgelegt.

Vorstadtgründungszeitliche Steinbauten, die aufgrund ihrer Bauformen als grundherrschaftliche Gebäude anzusprechen sind, standen an anderer Stelle und wurden sowohl in Sempach als auch in Sursee in die Stadtmauer integriert. Die Tore wurde unmittelbar daneben angelegt. Sie dienten vermutlich als Fixpunkt für die Ausrichtung der Stadtmauer und die Lage einer Toranlage.

 

Sursee: ein herrschaftliches Steinhaus am Obertor

In einer Urkunde von 1256 wird die Stadt Sursee erstmals erwähnt. Die damals ebenfalls genannte Befestigung war in ihrem Endzustand sehr aufwändig angelegt. Wehrmauer und Graben wurden an der Aussenseite von einem durch eine zweite Mauer geschützten «Rondenweg» begleitet.

Archäologische Untersuchungen im Bereich des ehemaligen Obertors erlauben nicht nur gewisse Bauphasen der Befestigung, sondern auch den Gründer und die Gründungszeit der Stadt genauer zu bestimmen.

Tatsächlich entspricht die Urkunde von 1256 auch der Gründungszeit durch Graf Hartmann V. (der Jüngere) von Kiburg, dem Erben der Lenzburger Grafen als Landesherr und Patronatsherr an der Stadtkirche (eine frühmittelalterliche Eigenkirche). Die neue Siedlung wurde denn wahrscheinlich auch auf einem Landstück erbaut, das zum Kirchengut gehörte.

An der Stelle des Obertors war ursprünglich nur eine einfache Wehrmauer mit Durchlasstor vorhanden; ein Turm und weitere Ergänzungen, darunter der «Rondenweg», kamen erst später dazu (14. bis 16. Jahrhundert?). Turm und Mauer wurden 1873 im Rahmen der Entwicklung zur «modernen» Stadt abgebrochen.

Besonders interessant ist der Einbezug eines vorstädtischen, hochmittelalterlichen «festen Hauses» in die Wehrmauer, wahrscheinlich des herrschaftlichen Hofes (curtis, 1045 erwähnt), der bis zur Stadtgründung für die Verwaltung der gräflichen Güter der näheren Umgebung gedient hatte.

Zusammen mit der Kirche und der Stadtburg beim «Hinteren Tor» gehörte das viergeschossige Steinhaus in der jungen Stadt zu den sichtbaren Zeugen der adligen Herrschaft. Der Hof hat als Wohnhaus, die Stadtburg als «Murihof» (Stadthaus des Klosters Muri) die Zeit bis heute überlebt, beide jedoch in stark umgebauter Gestalt.

 

Der früh- bis hochmittelalterliche Strassenbau in Sursee. Beispiele von Sursee-Mülihof und St. Urbanhof

In den schriftlichen Quellen rückt die Strasse ab dem 12. Jh. im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Städte wieder vermehrt in den Fokus. Während im Frühmittelalter v.a. eine fortdauernde Nutzung spätantiker Infrastruktur propagiert wurde, verschleiert sich das Bild in den folgenden Jahrhunderten zunehmend. Dieses Bild kann durch die Archäologie jedoch etwas geschärft werden.

In der unmittelbaren Umgebung der Altstadt von Sursee konnten zwei Strassenzüge über längere Distanz freigelegt werden. Derjenige südlich der Altstadt beim Mülihof verläuft parallel zum Surefluss. Er weist vier Ausbauphasen auf, die ohne Unterbruch ab dem 7. Jh. bis ins 12./13. Jh. reichen. Die erste Phase deutet auf einen Weg hin, der schon ältere Siedlungsreste überdeckt.

Nach kurzer Nutzung wird der Weg mit einem breiten Kiesbelag überlagert, was anhand der Funde noch in frühmittelalterliche Zeit fällt.

Mit der dritten Phase wird die Strasse ausgebaut, die nun mit grösseren Bruch- und Geröllsteinen befestigt wird und einen Strassengraben führt. Diese Phase fällt vermutlich ins ausgehende Frühmittelalter oder frühe Hochmittelalter. Die Nutzung reicht anhand der Hufeisenfunde bis ins 11. oder 12. Jh.

Die letzte Phase weist Erweiterungen und Reparaturen auf. Hufeisen und weitere Funde bezeugen, dass diese Arbeiten im 12. bis 13. Jh. vorgenommen wurden, bis die Strasse aufgelassen wurde.

Letztere beiden Phasen sind zeitgleich mit dem Strassenzug in der nördlichen Altstadt von Sursee, welcher unter dem heutigen St. Urbanhof zum Vorschein kam. Beide weisen ähnliche bautechnische Charakteristika auf, so die Verwendung von Bruch- und Geröllsteinen als Kofferung und ein darüberliegender, teilweise kompakter Kiesbelag. Zudem führen beide Strassen einen seitlich parallel verlaufenden Strassengraben.

Während die Funktion beider Strassen auch im Zusammenhang mit Warentransporte (Karrgeleise) zu sehen ist, zeigt sich ihre Auflassung auf verschiedene Weise. Während die Strasse in der nördlichen Altstadt ab 1256 aufgrund einer frühen raumplanerischen Massnahme im Zusammenhang mit dem Bau der Stadtmauer nur um wenige Meter verlegt wird, wird die Strasse beim Mülihof komplett aufgelassen.

Dies geschieht wiederum im Zeitraum der Stadtgründung von Sursee um die Mitte des 13. Jh. Letztere kann wahrscheinlich mit der Mühle Münigen des Klosters Engelberg in Verbindung gebracht werden. Ein Besitzwechsel könnte als Ursprung für die Auflassung in Betracht gezogen werden, der wiederum im Zusammenhang mit der Stadtgründung stehen würde. Eine Bestätigung oder Ablehnung dieser Ansicht wird aber nur durch weitere historisch fundierte Recherchen ermöglicht.