Zeitschrift, Mittelalter 2006/3

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Beschreibung

Werner Meyer: Das Basler Erdbeben von 1356 – Verlauf und Bewältigung einer Katastrophe

Daniel Gutscher: Historisches Ereignis und archäologischer Befund

Gabriela Schwarz-Zanetti: Interdisziplinäre Rekonstruktion des Basler Erdbebens von 1356 an der ETH Zürich. Ein Werkstattbericht

Werner Wild: «Unter schrecklichem Knallen barsten die Mauern» – Auf der Suche nach archäologischen Spuren von Erdbebenkatastrophen

Regula Schatzmann: Ein Erdbeben? – Die Koloniestadt Augusta Raurica als Fallbeispiel

 

e-periodica.ch/2006/3

 

Das Basler Erdbeben von 1356 – Verlauf und Bewältigung einer Katastrophe

Die Region Basel wurde am 18. Oktober 1356 durch ein Erdbeben erschüttert, das als „Grosses Erdbeben von Basel“ in die Geschichte eingegangen ist und als grösste Erdbebenkatastrophe nördlich der Alpen in historischer Zeit gilt. Der Verlauf der Katastrophe lässt sich aufgrund der Schriftquellen sowie der archäologischen und bauanalytischen Befunde in groben Zügen rekonstruieren, doch bleiben viele Fragen offen.

So berichten die narrativen Quellen übereinstimmend, dass die Zerstörung der Stadt Basel ausser durch die Erdstösse auch durch Feuer und Überschwemmung des Birsigs verursacht worden sei, so dass es heute schwer fällt, das Ausmass der dem Beben anzulastenden Schäden festzustellen.

Zudem gilt es zu beachten, dass in Basel während des ganzen 14. Jahrhunderts rege gebaut wurde. Kirchen und Klöster wurden umgebaut, private und öffentliche Bauten erweitert, erhöht oder sonst wie verändert, so dass archäologisch oder bauanalytisch in die Zeit um 1360 datierbare Bauaktivitäten kaum vom Beheben von Erdbebenschäden unterschieden werden können.

Insgesamt waren die Schäden, die das Beben angerichtet hatte, enorm. Während in der Stadt durch Beben und anschliessendem Feuer Stein- wie Holzbauten Schaden nahmen, wurden in der Landschaft vorallem die hoch ragenden Steinbauten wie Kirchen und Burgen in unterschiedlichem Masse beschädigt. Die einfachen Behausungen der Landbevölkerung bestanden aus Holz, Lehm und Fachwerk, und denen kann ein Erdbeben nicht viel anhaben.

Einige glückliche Umstände bildeten die Voraussetzung für den raschen Wiederaufbau und die Wiederherstellung normaler Verhältnisse. Die Basler Viehherden befanden sich während des Bebens auf der Weide, was ihr Überleben sicherte bzw. sie für die Fleischversorgung der Bevölkerung verfügbar machte. Die in Basels Umgebung in Scheunen eingelagerten Ernten dürften im Erdbeben kaum Schaden genommen haben und konnten nach kurzer Zeit auf den Märkten vor der Stadt feilgeboten werden.

Im Unglücksjahr 1356 amtierte als Bürgermeister der erfahrene und tatkräftige Konrad von Bärenfels, der sich zusammen mit dem Rat durch Weitsicht und Entschlusskraft auszeichnete. Mit einer Reihe von Anordnungen ermöglichte die politische Führung den raschen Wiederaufbau und verhinderte gleichzeitig eine soziale Destabilisierung sowie eine wirtschaftliche Zerrüttung der Stadt.

Das durch die herrschaftspolitischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Veränderungen bedingte „Burgensterben“ des Spätmittelalters hatte in der Basler Region bereits um 1300 begonnen. Manche Burgen, die nach dem Erdbeben nicht oder nur provisorisch wiederhergestellt worden sind, wären im Laufe der folgenden Jahrzehnte ohnehin aufgelassen worden. Das Erdbeben hat demnach einen bereits laufenden Prozess bloss beschleunigt, keinesfalls ausgelöst.

 

Historisches Ereignis und archäologischer Befund

Der kurze Überblick soll zeigen, wie wichtig in der Archäologie die vom Archäologen selber auszuübende Quellenkritik ist. Es ist verständlich, dass die Archäologie in ihren Anfängen von der Hoffnung geprägt war, mit archäologischen Quellen Fragen beantworten zu können, bei denen die historische Forschung mit der Auswertung der Schriftquellen nicht weiter kam.

Befunde, die sich in eindeutiger, d.h. beweisbarer Weise mit historischen Ereignissen verbinden lassen, sind jedoch selten. Wie rasch wird aber ein Riss in einem mittelalterlichen Bauwerk einem Erdbeben oder eine verkohlte Schicht einem Brandereignis zugewiesen, dabei sind 99 von 100 Rissen an Gebäuden auf Setzungen zurück zu führen.

Archäologische Quellen sind weit weniger dem subjektiven Blickwinkel zeitgenössischer Berichterstatter ausgeliefert als die Schriftquellen. Der Befund ist objektiv – seine Deutung hingegen ist es weit weniger. Anhand von verschiedenen Beispielen wird gezeigt, wie wichtig die kritische Überprüfung jedes einzelnen Befundes ist und wie wenige Befunde letztlich geeignet sind, mit einem historischen Ereignis zwingend verbunden zu werden.

 

Interdisziplinäre Rekonstruktion des Basler Erdbebens von 1356 an der ETHZ. Ein Werkstattbericht

Zur Zeit wird am Institut für Geophysik der ETHZ eine Neubewertung des Basler Bebens von 1356 mit einem interdisziplinären Projekt erarbeitet, das bekannte und neue historische, archäologische und baustatische Befunde aus dem ganzen Schüttergebiet einbezieht und eine Neueinschätzung des Bebens und der seismischen Gefährdung der Region Basel erlaubt.

Beteiligt sind daran die Archäologische Bodenforschung Kanton Basel-Stadt, die Basler Denkmalpflege, die Kantonsarchäologie Basel-Landschaft, die Münsterbauhütte, zusammen mit dem Altphilologen Virgilio Masciadri (Zürich), der Historikerin Dorothee Rippmann (Itingen) und Thomas Wenk, Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik (Zürich).

Im Zentrum dieses Beitrages steht die sogenannte ‚Burgenliste‘, ein Verzeichnis der im Erdbeben von Basel 1356 beschädigter oder gar verwüsteter Burgen. Die Überlieferungsgeschichte dieser Quelle zeigt aber, dass diese Liste erst einige Zeit später nach der Katastrophe entstand, es ist auch ungeklärt, warum nur für die Burgen eine Liste erstellt wurde, eine parallele Liste beschädigter Kirchen ist unbekannt.

Viele Hinweise aus den Burgenlisten konnten bisher (noch) nicht verifiziert werden, wodurch sich die Anzahl seismologisch auswertbarer Punkte stark reduziert. Spätere kleine Beben in der Region von Basel hielten das Interesse der Chronisten des 14./15. Jahrhunderts für seismische Vorgänge wach und liessen die Zahl der betroffenen Burgen unbesehen wachsen.

 

Auf der Suche nach archäologischen Spuren von Erdbebenkatastrophen

Das grosse Erdbeben von Basel von 1356 nimmt für die Erforschung historischer Erdbeben eine Schlüsselstellung ein. Die zahlreichen schriftlichen Zeugnisse ermöglichen die konkrete Untersuchung von einzelnen Bauten. 650 Jahre später ist es aufgrund der regen Bautätigkeit oder des fortgeschrittenen Zerfalls aber schwierig, überhaupt noch aussagekräftige Spuren zu finden.

Häufig bleibt der genaue Zerstörungsgrad unbekannt. Wurde etwa eine Burg verlassen, weil die Wände umkippten oder weil die Reparatur des Daches zu teuer war? In Basel stellt man unterschiedliche Zerstörungsgrade fest. Einzelne Bauten überstanden das Beben und den folgenden Grossbrand unversehrt. Wichtige Aufschlüsse bringt eine laufende interdisziplinäre ETH-Studie.

Sobald nur oberflächliche oder gar keine Schriftquellen vorliegen, wird das Erkennen von Bebenschäden schwierig. Statische Probleme, Erosion, Schleifungen, Abbrucharbeiten und natürlicher Zerfall führen zu umgestürzten Mauern und Rissen, die Erdbebenschäden täuschend ähnlich sehen. Für eine sichere Deutung erweist sich eine Zusammenarbeit mit den Fachleuten des Schweizerischen Erdbebendienstes an der ETH Zürich als unerlässlich.

 

Ein Erdbeben? – Die Koloniestadt Augusta Raurica als Fallbeispiel

Der Beitrag gibt einen Einblick in die Forschungen zur Annahme eines Erdbebens, das um die Mitte des 3. Jahrhunderts Zerstörungen in der römischen Koloniestadt Augusta Raurica verursacht haben soll. Die These ist Gegenstand von Untersuchungen von seismologischer und archäologischer Seite: Die Anzeichen, die gegen ein grosses Ereignis sprechen, mehren sich – ein mittleres oder kleineres Ereignis kann jedoch nicht ausgeschlossen werden.