Zeitschrift, Mittelalter 2011/3

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Beschreibung

Andreas Motschi: Palatium imperiale. Neue Befunde zur jüngeren Königspfalz auf dem Lindenhof in Zürich

Peter Kurzmann: Das vergessene Laboratorium in Schloss Reichenau

Heinrich Christoph Affolter: Ein spätgotisches Bauernhaus mit Festsaal: Das Haus von 1500/1505 im Grossgschneit, Köniz

 

e-periodica.ch/2011/3

 

Palatium imperialis – Neue Befunde zur jüngeren Königspfalz auf dem Lindenhof in Zürich

1937/38 führte Emil Vogt auf dem Lindenhof in Zürich im Rahmen eines Forschungsprojektes umfangreiche Ausgrabungen durch. Er legte dabei unter anderem die Reste eines spätrömischen Kastells sowie von zwei mittelalterlichen Monumentalbauten frei.

Er interpretierte diese als zwei sich folgende Pfalzgebäude aus karolingischer und ottonischer Zeit. Die Vorlage und Diskussion dieser Befunde in seiner Monografie von 1948 setzte in der schweizerischen Mittelalterarchäologie neue Massstäbe.

Hauptthema des vorliegenden Aufsatzes ist das jüngere Pfalzgebäude. Durch spätere Grabungen lässt sich sein Grundriss heute auf einer Länge von mindestens 75 m fassen. Seine Ausrichtung wurde wesentlich von noch intaktem spätrömischem Mauerwerk beeinflusst, das in die Anlage mit einbezogen wurde.

Der 13 m breite Bau besteht aus einer Abfolge von Räumen, von denen der grosse Hauptsaal Innenmasse von 31,2 x 11,4 m aufweist. Reste von Wandpfeilern zeigen, dass die Mittelpartie des zu Repräsentationszwecken genutzten Saales quer zur Hauptachse betont war.

Säle mit vergleichbarer Raumkonzeption weisen die in der 1. Hälfte des 11. Jhs. errichteten Pfalzen von Paderborn und Goslar auf.

Von den weiteren Gebäudeteilen der Zürcher Pfalz ist die kleine, über einem spätrömischen Turm errichtete Kapelle klar identifizierbar. Die Interpretation von Wohn- und Wirtschaftsräumen nördlich und südlich des Hauptsaales sowie im Osttrakt gelingt weniger eindeutig.

2008 wurde an der Fassadenmauer des Osttraktes eine Vorlage mit Sandsteinbasis freigelegt. Sie nimmt Bezug auf ein gleiches Element, das Emil Vogt in der Nähe gefunden hatte. Wir besitzen damit wichtige Zeugen der Fassadengestaltung, die hier in einer neu erarbeiteten Rekonstruktion gezeigt wird. Diese setzt voraus, dass die Königspfalz zwei Geschosse mit zwei übereinanderliegenden Sälen aufwies.

Die auf historisch-politischen Erwägungen basierende Datierung des Baus in die Regierungszeit Heinrichs III. (1040–1056) lässt sich gegenwärtig mit kunsthistorischen und archäologischen Datierungsmethoden nicht in der gewünschten Genauigkeit bestätigen.

 

Das vergessene Laboratorium in Schloss Reichenau

Schloss Reichenau, am Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein gelegen, besitzt eine Besonderheit: In einem Seitenflügel hat sich ein chemisches Laboratorium aus der Mitte des 19. Jh. in originaler Ausstattung erhalten.

Von alten Laboratorien sind sonst meist nur Gefässe und Geräte, vielleicht Abbildungen überliefert, während die originalen baulichen Einrichtungen infolge von Modernisierungen, Umbauten oder sogar Abrissen für immer verloren sind.

In Schloss Reichenau hingegen sind die Räumlichkeiten mit den technischen Einrichtungen weitgehend unversehrt erhalten blieben und darüber hinaus auch viele Gefässe, Geräte und Dokumente. Hier kreuzten sich die Wege zweier bedeutender Chemiker des 19. Jh., des Praktikers Dr. Adolf von Planta (1820–1895)  und des Theoretikers Dr. August Kekulé (1829–1896) und verliefen eine Zeit lang parallel.

Das Laboratorium in Reichenau geht auf Dr. Adolf von Planta zurück. Er wurde auf dem Schloss geboren, studierte Naturwissenschaften in Berlin, Heidelberg und bei Justus Liebig in Giessen und promovierte 1845 in Heidelberg. 1852 richtete er sich zur Fortsetzung seiner Arbeiten ein Laboratorium auf seinem Schloss ein und engagierte den ihm von Liebig empfohlenen August Kekulé als Assistenten.

Von Planta interessierte sich für die chemisch-analytische Untersuchung von Naturstoffen <produits naturels>, Boden- und Wasserproben, für den Ablauf physiologischer Vorgänge, schliesslich für Bienenkunde, Botanik und Gartenbau. Der Einfluss von Liebig ist unverkennbar.

Die gemeinsamen Arbeiten mit Kekulé begannen mit der Untersuchung zweier Alkaloide (Coniin und Nicotin) und erstreckten sich dann auf die Analyse von Kalkstein, Wein, Gallensteinen und vor allem auf die von Mineralwässern aus Serneus und St. Moritz.

1853 beendete Kekulé seine Tätigkeit auf Schloss Reichenau. Er blieb jedoch mit Adolf von Planta freundschaftlich verbunden.

Kekulés weiterer wissenschaftlicher Werdegang führte ihn zunächst nach London, dann nach der Habilitation in Heidelberg 1858 als Professor nach Gent und schliesslich 1867 nach Bonn, wo er hochgeehrt 1896 starb.

Kekulé war besonders wegen seiner Erkenntnisse zur Strukturchemie (er erkannte z. B. die Vierwertigkeit des Kohlenstoffs und hatte die geniale Idee der ringförmigen Struktur des Benzolmoleküls) einer der bedeutendsten Chemiker des 19. Jh.

Von Planta arbeitete nach Kekulés Weggang allein weiter auf seinen für Graubünden z. T. wirtschaftlich sehr wichtigen Arbeitsgebieten. 1895 starb er in Zürich, wo er auch begraben ist.

Die Familie von Tscharner, der Schloss Reichenau heute gehört, will das Laboratorium, in dem  die Zeit ihre Spuren hinterliess, bewahren. Die Familie verfolgt dieses Ziel mit grossem zeitlichen und finanziellen Aufwand.

Es ist zu wünschen, dass die vorliegende Publikation die Aufmerksamkeit eines grösseren Kreises von Interessierten auf diese Stätte der Chemie- und Heimatgeschichte Graubündens lenkt.

 

Ein spätgotisches Bauernhaus mit Festsaal: Das Haus von 1500/1505 im Grossgschneit, Köniz

Das Haus im Grossgschneit beschäftigt die Forschung seit der zweiten Hälfte des 19. Jh. Nach einem längeren Unterbruch konnte nun in den Jahren 2007 bis 2010 wieder eine interdisziplinäre Untersuchung durchgeführt werden.

Eine ausführliche Bauanalyse führte zu einer Neubeurteilung von Befunden am Bau, eine neue, erweiterte Interpretation von Quellen und Literatur zu präziseren Erkenntnissen über das soziale, politische und wirtschaftliche Umfeld der damaligen Besitzer. Daneben konnten auch wichtige Aussagen bestätigt werden, die bereits 1935 publiziert worden sind.

Grossgschneit gehörte zu den sieben Höfen der mittelalterlichen Herrschaft Riedburg, die zwischen Schwarzwasser, Sense und Scherlibach lag. Deren Zentrum, die gleichnamige Burg, wurde 1386 von Freiburg zerstört. Die Herrschaft selbst bestand weiter und verblieb im 15. Jh. im Besitz von benachbarten Familien.

1515 verkaufte Anthoni Brüggler die Gerichtsherrschaft an Peter von Schneit, der zwei Höfe besass. 1872 erwarb Johann Hostettler von Schwanden das herrschaftliche Bauernhaus. Zu Beginn des 21. Jh., wohnt und wirtschaftet nun die sechste Generation der Familie Hostettler in dem fünfhundertjährigen Haus.

Das um 1500 erbaute Grosshaus im Grossgschneit ist eines der bemerkenswertesten Bauernhäuser im ganzen Kanton. Es ist von einem begüterten Grossbauern erbaut worden, der aber sein Haus um 1500 mit eindeutig herrschaftlichen Architekturteilen und Dekoration ausstattete.

Schon aus der Ferne erkennt man den herrschaftlichen Anspruch, den das hohe Vollwalmdach und die 75 Quadratmeter grosse Mauer an der südwestlichen Schmalseite erheben. Die massive Mauer sollte die Wehrhaftigkeit und damit unmissverständlich den sozialen Status des Besitzers zum Ausdruck bringen.

Ähnlich auffallend und im bäuerlichen Bereich völlig unbekannt sind weiter die allseitig vorhandenen Fenster im Obergeschoss, auch wenn diese wohl nur zu einem kleinen Teil mit Glas verschlossen und in gewissen Bereichen sogar nur Attrappe waren.

Im südlichen Teil des Hauses wurde im Obergeschoss ein Festsaal aus dem 16. Jh. entdeckt, der völlig überraschend zahlreiche Schnitzereien und symmetrisch angebrachte Wappenschilden, allerdings ohne Inhalt enthält. Bemerkenswert sind auch die vierzig mit blinden, tartschenförmigen Wappenschilden geschmückte und geschweifte Büge am Dach.

Das trotz aller Eingriffe weitgehend erhaltene Grosshaus aus der Zeit um 1500 stellt eine Rarität dar. Grossgschneit ist ein wertvoller Solitär aus jener glanzvollen Zeit.