Zeitschrift, Mittelalter 2026/2

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Beschreibung

Daniel Gutscher: Die Gründung der SAM und deren Vorgeschichte – zur damaligen Stellung der Mittelalterarchäologie

Christoph Philipp Matt: Frühe Eindrücke: Von der Arbeitsgemeinschaft zum Verein

Armand Baeriswyl: Die SAM 1975–2025: Themen – Orte – Mitglieder

Carola Jäggi: Wechselwirkungen zwischen Lehre und Praxis: Die Bedeutung der SAM für die universitäre Mittelalterarchäologie

Fabian Küng, Katharina König, Valentin Homberger, Dagmar Bargetzi, Lucie Steiner, Regula Ackermann und Adriano Boschetti, Jonathan Frey, Marion Liboutet: Workshop vom Freitag, 24. Oktober 2026, Berichte

Katharina König: Die Podiumsdiskussion

 

Die Gründung der SAM und deren Vorgeschichte – zur damaligen Stellung der Mittelalterarchäologie

Die Gründung der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters SAM ist nicht Resultat einer geradlinigen Entwicklung, nicht krönender Abschluss. Zu stark war in jenen Zeiten der Widerstand bis in die hohen akademischen Sphären der Alma Mater. Archäologie des Mittelalters sei keine Wissenschaft war hierzulande der diskriminierende Vorwurf. Anders an den deutschen Universitäten. Dort galt Mittelalterarchäologie als die simple Fortschreibung der ur- und frühgschichtlichen und der provinzialrömischen Archäologie.  Sie fand in Herbert Jankuhn in Göttingen einen prominenten Vorkämpfer. Darauf beriefen sich auch die Verfasser des Forschungsberichtes des Schweizerischen Wissenschaftsrates, der 1973 von Bundesrat Hans Peter Tschudi der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und sprachen von «einer Lücke, die es raschmöglichst zu schliessen gilt, sollen nicht irreparable Verluste eintreten.» Es bedurfte jedoch noch etlicher Anstrengungen, denn auch universitätsintern gab es gleichzeitig den Ruf nach einer Etablierung der Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Nach etlichem Hin und Her gelang es dank der Initiative insbesondere von Jürg Ewald (†) 1974, alle in der mittelalterarchäologischen Praxis bereits Tätigen der Kantone und Universitäten im Oltener Bahnhofbüffet und kurz darauf in Zurzach bei Hansrudolf Sennhauser zusammen zu rufen. Am 31. Oktober 1975 war es dann so weit, dass eine Gründungsversammlung mit Genehmigung von Statuten und Vorstandswahl durchgeführt werden konnte.

Der vorliegende Artikel zeichnet die Vorgeschichte aus der Perspektive des Zeitzeugen nach und scheut sich daher nicht vor persönlicher Stellungnahme, was ihm als damaligem studentischen Fachschaftsvertreter nun – «post festum» – mit einem Augenzwinkern verziehen sei.

 

Frühe Eindrücke: Von der Arbeitsgemeinschaft zum Verein

Nach der Gründungsversammlung 1975 in Lausanne pendelte sich die Arbeitsgemeinschaft bald auf eine zweitägige Versammlung am letzten Freitag/Samstag im Oktober ein, möglichst ergänzt durch eine aktuelle Grabungsbesichtigung unter dem Jahr. Sie richtet sich ausschliesslich an Fachleute im In- und Ausland, findet auf Einladung örtlicher Fachleute in verschiedenen Regionen statt und soll die im Mittelalter tätigen Fachleute untereinander vernetzen. Damit bieten sie auch eine wertvolle Gelegenheit, verschiedene Regionen kennen zu lernen. – In den 1990er Jahren wuchs die SAM stetig und stark von 61 Gründungsmitgliedern auf 146 im Jahr 1997: Die Mitglieder rekrutierten sich ausser aus Archäologie und Denkmalpflege auch aus Numismatik, Kunstgeschichte, Anthropologie u.a.m.

Während in den Anfängen die Deutschschweiz etwas dominierte, glichen sich die Regionen mit zunehmenden Mitgliederzahlen allmählich aus (auch im fünfköpfigen Vorstand), wie sich denn auch der Focus auf das Mittelalter zeitlich stark ausweitete. Die SAM war und ist immer auch eine gesellschaftliche Zusammenkunft. – Die stetig steigenden Mitgliederzahlen wurden zunehmend zur administrativen und finanziellen Belastung. Vorstandsinterne Diskussionen und ein Antrag des Vorstandes führten zur Erarbeitung von Vereinsstatuten im Sinne von ZGB Art. 60 ff., die an der Mitgliederversammlung vom 24. Okt. 1997 deutlich angenommen worden sind: Damit wurde die SAM für das nächste Vierteljahrhundert ihres Bestehens zukunftstauglich gemacht und funktioniert seit anfangs 1998 somit als Verein mit Mitgliederbeiträgen. An der Art der Durchführung der Jahresversammlungen hat sich aber sonst nichts geändert.

 

Die SAM 1975–2025: Themen – Orte – Mitglieder

In einem persönlich gefärbten Rückblick lässt der ehemalige Präsident (2011 und 2020) die 50 Jahre der Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit Revue passieren.

Seit ihrer Gründung bildet die SAM ein vitales Forum. Herzstück sind die Jahrestagungen: Ein Panoptikum aus Regionalberichten und bunten Kurzvorträgen – in zehn oder oft gar in nur fünf Minuten präsentiert. Das Themenspektrum ist enorm weit. Die SAM deckt fast alle boden- wie bauarchäologisch interessanten Funde und Befunde von 500 bis 1900 (und manchmal sogar darüber hinaus) ab; folgerichtig wurde 1994 die Neuzeit auch offiziell in den Namen integriert.

Trotz straffer Zeitpläne floriert der kollegiale Austausch in den Pausen. Politisch engagiert und bestens vernetzt, etwa bei der Erarbeitung der SPM-Standardwerke, beweist die SAM Beständigkeit. Beeindruckend ist das Wachstum gegen den allgemeinen Vereinstrend: Von 96 Mitgliedern (1989) stieg die Zahl auf heute 270 Personen an. Ob beim technologischen Wandel vom Diaprojektor zum Beamer oder der Digitalisierung – die SAM geht mit der Zeit. Da das Fach an Unis kaum vertreten ist, kommen die Mitglieder aus diversen Disziplinen (Urgeschichte, Kunstgeschichte, etc.) und Institutionen (vor allem Kantonsarchäologien und Museen), was für eine hohe Dynamik sorgt. Diese Offenheit für verschiedene Blickwinkel hält den Verein lebendig, attraktiv und erstaunlich jung.

 

Wechselwirkungen zwischen Lehre und Praxis: Die Bedeutung der SAM für die universitäre Mittelalterarchäologie

Für die universitäre Mittelalterarchäologie ist die SAM Segen und Fluch zugleich: Durch ihre Funktion als bestens funktionierende Kommunikationsplattformen bieten die Jahrestagungen der SAM bereits Studierenden vielfältige Kontakte zu möglichen zukünftigen Arbeitgebern und führen einen bunten Strauss attraktiver Alternativen zur Academia vor Augen, was zu einem eklatanten Mangel an akademischem Nachwuchs aus Schweizer Hochschulen führt. Im Unterschied zur archäologischen Praxis ist die Mittelalterarchäologie in der Schweiz auf universitärem Niveau bisher kaum verankert. Einzig an der Universität Zürich ist sie seit 1974 expliziter Teil des Lehrgebiets einer Professur, hat seither mehrere Transformationen durchlebt und ist seit 2019 Teil der archäologischen Studiengänge. Es sollte im Interesse des SAM sein, dass die Mittelalterarchäologie auch in Zukunft an Schweizer Universitäten vertreten ist und ihre Bedeutung, die sie in der archäologischen Praxis längst hat, sich auch auf universitärem Niveau widerspiegelt.

 

Workshop vom Freitag, 24. Oktober 2026, Berichte

Nebst Vorträgen und Exkursionen wurde an der vergangenen SAM-Jahrestagung in Schaffhausen von 23.–25. Oktober 2025 als besonderes Format auch ein Workshop angeboten. In Gruppen von 8–10 Personen wurde dabei rege zu vier unterschiedlichen Themenblöcken diskutiert.

Themenblock A: (Bau-)Archäologische Interventionen, Auswertungen, Forschungsthemen und -bereiche

Diskutiert wurden die zahlreichen neuen Technologien, die grossflächig in der archäologischen Arbeit Einzug gehalten haben, sowie deren Nutzen und Risiken. Bei der Frage nach der Zukunft der Archäologie galt es auch die Frage nach deren Beitrag an die Gesellschaft zu erörtern, ob wir heute die richtigen Forschungsschwerpunkte setzen und ob sich die Archäologie bei der Zukunftsforschung nicht stärker einbringen sollte.

Themenblock B: Öffentlichkeitsarbeit, Vermittlung, Publikationen

Hier standen der Nutzen und die Ziele der archäologischen Öffentlichkeitsarbeit zur Diskussion. Wer prägt welche Narrative und was sind die Stärken der regionalen Archäologie? Es wurden verschiedene Vermittlungsmedien sowie deren Wirkungen und Eigenheiten besprochen. Ziel ist es letztlich, zwischen der Fachwelt und der Öffentlichkeit eine Brücke zu schlagen.

Themenblock C: Aus- und Weiterbildung

Der dritte Themenblock widmete sich den Fragen, ob die Uniabsolvent:innen die vom Arbeitsmarkt gefragten Kompetenzen mitbringen und wie die Situation der Mittelalter-/ Neuzeitarchäologie an den Schweizer Unis ist bzw. ob diese früher allenfalls sogar besser war. Weiter wurden Fragen nach bestehenden oder wünschenswerten Weiterbildungsangeboten erörtert.

Themenblock D: Verwaltung, Administration, Fachstellen, Firmen

Diskutiert wurden hier Fragen nach den Abläufen (insbesondere bei Baugesuchen), den kantonalen Ressourcen und Kompetenzen im Bereich der Mittelalter- und Neuzeitarchäologie wie auch der Bauarchäologie. Weitere Themenbereiche waren Unterschiede und Zusammenarbeit zwischen öffentlichen archäologischen Fachstellen und privaten Firmen sowie das weite Feld der Digitalisierung und des Datenmanagements.

 

Die Podiumsdiskussion

Die Podiumsdiskussion behandelte zentrale Herausforderungen und Zukunftsaussichten der Mittelalter- und Neuzeitarchäologie in der Schweiz sowie die mögliche Rolle der SAM. Ein übergreifendes Thema war der Einsatz von Technologie: Digitale Werkzeuge sind im Arbeitsalltag etabliert, sollen die klassische Feldarbeit jedoch nicht ersetzen. Bisher wird KI wenig genutzt, bietet aber Potenzial bei der Strukturierung grosser Datenmengen. Gleichzeitig wird der Umgang mit Daten als aufwendig und ressourcenintensiv wahrgenommen. Digitale Kompetenzen werden zunehmend vorausgesetzt, sind jedoch in der universitären Ausbildung kaum verankert. Auch in der Vermittlung gewinnt Digitalisierung an Bedeutung, was jedoch kontinuierliche Ressourcen und professionelle Umsetzung erfordert.

Inhaltlich wurde die Frage diskutiert, ob archäologische Prioritäten stärker auf bedrohte und bislang unerforschte Fundstellen gelegt werden sollten. Diese Verschiebung wurde als schwierig umsetzbar eingeschätzt, da jede Generation ihre Forschungsschwerpunkte prägt. Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit zeigte sich, dass persönlicher Austausch besonders wirksam ist.

Ein weiterer Fokus lag auf der Ausbildungssituation: Die Reduktion entsprechender Lehrangebote an Universitäten wurde mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. Es entstand der Wunsch, dass die SAM durch aktiven Kontakt zum Gelingen der künftigen Professur an der Universität Zürich beitragen möge. Im Bereich Weiterbildung könnten mit weiteren Organisationen relevante Kompetenzen definiert und Angebote vermittelt werden.

Die Zusammenarbeit zwischen Archäologie und Denkmalpflege variiert kantonal, wird aber bei guter Umsetzung als sehr gewinnbringend erlebt. Private Büros werden teils als notwendig, jedoch auch kritisch betrachtet, da Archäologie mehrheitlich als staatliche Aufgabe verstanden wird.

Für die SAM wurden verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten diskutiert, darunter eine stärkere Positionierung als Berufsverband mit Qualitätsstandards. Gleichzeitig wurde betont, dass die bestehende Jahrestagung als wichtiges und funktionierendes Format erhalten bleiben soll. Insgesamt steht die SAM vor der Entscheidung, ob sie künftig eine aktivere Rolle in Weiterbildung, Vernetzung und Interessensvertretung übernehmen möchte.

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