Zeitschrift, Mittelalter 2021/3

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Beschreibung

Kühmatt – eine spätmittelalterliche / frühneuzeitliche Siedlung und ihr Abgang.

Archäologie auf einem Siedlungsplatz im Alpenraum

von Jakob Obrecht und Werner Bellwald, mit einem Beitrag von Elisabeth Marti-Gräder

Auf 1630 m ü. M. liegt im oberen Lötschental der Weiler Kühmatt (Gemeinde Blatten,VS). In der Umgebung findet man an die 30 Standorte einstiger Gebäude. Im August 2019 legte ein Team ehrenamtlich arbeitender ArchäologInnen und Freiwilliger teilweise vier Ruinen frei. Die von der Kantonsarchäologie VS bewilligte und 14 Tage dauernde Ausgrabung wurde privat finanziert. Die Auswertung der teils überraschend vielen Funde unterstützten die Loterie Romande, die Ernst Göhner Stiftung und eine anonym bleibend wollende Basler Stiftung mit namhaften Beiträgen.

Die zeitlich kurze und inhaltlich weitgehend terra incognita beschreitende Grabung erzielte trotz schwieriger Rahmenbedingungen vielfältige und neue Erkenntnisse. Die untersuchten Grundrisse decken eine typologische Vielfalt ab: Sockelgeschoss von Ökonomiebauten, übliches Wohnhaus, repräsentatives Wohnhaus mit mörtelgebundenem Mauerwerk oder Sakralbau. Die Anfänge der Dauersiedlung konnten ins 13. Jh. datiert werden. Das umfangreiche und teils erstaunliche Fundmaterial (Flintstein, Fensterglas, eine überraschende Menge an Tierknochen, Silbermünzen) weist auf alles andere als die vielzitierte Abgeschlossenheit eines Bergtales hin. Doch sorgte der überwiegende Gebrauch von Holzgeräten in einer nach Selbstversorgung tendierenden Kultur dafür, dass es im alltäglichen Umlauf wenig Keramik gab, wohl auch wenig Eisen (dessen Fehlen in den Funden allerdings auch auf dem Rezyklieren des wertvollen Materials beruht). Zudem wurden bei der Aufgabe der Siedlung mitsamt den zerlegten Blockbauten wohl auch alle noch so abgenutzten Gebrauchsobjekte mittransportiert.

Die Auflassung des hochgelegenen Weilers Kühmatt begann ab der zweiten Hälfte des 17. Jh. Hinweise auf ein Naturereignis (Felssturz, Steinschlag, Lawine) oder auf einen der damals häufigen Dorfbrände gibt es nicht. Das Ausdünnen der Funde im 18. und deren gänzliches Ausbleiben im 19. Jh. weist auf ein geordnetes, schrittweises Verlassen der Siedlung. Grund dafür ist, zusätzlich zu möglichen Lawinenunglücken, die kontinuierliche klimatische Ungunst der Kleinen Eiszeit. Die Bevölkerung weicht in das zwei Kilometer talauswärts und 100 Höhenmeter tiefer gelegene Hauptdorf Blatten zurück, das im Zuge einer Verdichtung der bisherigen Streusiedlungslandschaft zum Hauptdorf avanciert. Die letzten Wohnhäuser von Kühmatt werden um 1850/60 zerlegt und talabwärts transportiert – aus dem während Jahrhunderten bewohnten Weiler wird ein temporär genutztes Maiensäss.