Zeitschrift, Mittelalter 2015/4

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Beschreibung

Werner Meyer: Splüia, Cioss und Lüèra – Siedlungsarchäologie im Maggia- und Bavonatal

Andrea Mariani: Die erfolgreiche Wahl der interdisziplinären Burgenforschung, dargestellt am Beispiel der kleinen Region Brianza zwischen dem 10. und 13. Jh.

 

e-periodica.ch/2015/4

 

Splüia, Cioss und Lüèra – Siedlungsarchäologie im Maggia- und Bavonatal

1999 ist ein archäologisches und linguistisch-toponomastisches Feldpraktikum im Val Bavona und im oberen Maggiatal durchgeführt worden – geleitet vom Verfasser und von Ottavio Lurati sowie M.-Letizia Boscardin und unterstützt von Jakob Obrecht, Flavio Zappa und Bruno Donati.

Diesem folgte in den Jahren 2000 und 2001 eine kleine Grabung in einer Splüia bei Fontana, die unerwartete Ergebnisse zeitigte. In einer Höhle, gebildet durch zwei Felssturzblöcke, kamen Siedlungsspuren zum Vorschein, die sich stratigraphisch in drei Perioden gliedern lassen:

In Periode I, zu datieren in die Zeit zwischen 1000 und 1400, diente die Höhle als Wohnstätte. Es fanden sich Mauerreste, eine Feuerstelle und datierbare Kleinfunde.

In Periode II, radiokarbondatiert ins 15./16. Jh., wurde die Splüia von Glasmachern benützt, die Versuche mit dem Rohstoff Quarz anstellten, der in der Gegend vorkommt.

In Periode III, die in die Zeit des 17. bis frühen 19. Jh. fiel, diente die Splüia Hirten und Jägern als gelegentlicher Unterstand. Nördlich des Siedlungsplatzes erstrecken sich die Überreste eines Cioss, einer trocken gemauerten Einfriedigung mit Spuren einstigen Ackerbaues. Eine Analyse lässt die Anfänge in Periode I vermuten.

Dokumentiert wurde ferner südwestlich Bignasco die Örtlichkeit Lüèra bei Sott Piodau, ein ummauertes Areal, das – wie der Name sagt – als Wolfsfalle gedient hatte. Die Anlage dürfte ins ausgehende Mittelalter zu datieren sein. Um ihre Erforschung und Erhaltung hat sich Flavio Zappa (Moghegno) verdient gemacht.

 

Die erfolgreiche Wahl der interdisziplinären Burgenforschung, dargestellt am Beispiel der kleinen Region Brianza zwischen dem 10. und 13. Jh.

Gemäss Aldo A. Settia (1984), der die Wichtigkeit eines interdisziplinären Forschungsansatzes hervorhebt, dienten als Grundlage für diese Recherche nicht nur die schriftlichen Quellen (literarische und archivalische), sondern auch die bauhistorischen Elemente und, sofern möglich, die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen.

Zugleich stützte sich diese Recherche auf fachspezifische Aussagen von Architekten, Archäologen, Historiker und Kunsthistorikern bezüglich der Erarbeitung von besonderen Daten oder auch nur auf einen Vergleich bzw. Austausch von Theorien und Ideen.

Auch das Wissen von Laien wurde berücksichtigt. Diese Personen, die unter anderem über sehr gute regionale und lokale Kenntnisse verfügten, unterstützten das Forschungsprojekt ausserdem auch durch mündliche Überlieferungen, durch Flurnamenkunde und Kenntnisse der topographischen Gegebenheiten dieser Region.

Als Forschungsobjekt sind die Burgen der Region Brianza (nördlich von Mailand) ausgewählt worden, die zur Lombardei (Norditalien) gehört und zwischen Monza, Como und Lecco liegt (diese Städte selbst sind jedoch nicht Bestandteil dieser Recherche).

Vor allem zwischen den 60er und 90er Jahren des 20. Jh. wurden Burgen auf dem Gebiet der Brianza erforscht. Die Forschungen konzentrierten sich allerdings nur auf ein kleines Gebiet. Aus diesem Grund soll nun diese Recherche der Anlass sein, zum ersten Mal die Brianza als Ganzes genauer zu erfassen.

Die mitterlalterliche Region Brianza, deren hügelige Landschaft sicherlich eine wesentliche Voraussetzung für den Bau von befestigten Plätzen war, weist über hundert Burgen (castra) auf, mit einfachen oder komplexen baulichen Strukturen, abhängig von der Entstehungszeit. Nur eine kleine Anzahl von Burgen ist bis heute noch komplett erhalten, die meisten sind im Laufe der Zeit baulich stark verändert oder in moderne Bauten integriert worden.

Fast alle der dieser Region Burgen wurden im 10.–13. Jh. nicht nach einem allgemeinen Konzept zum Schutz der Bevölkerung errichtet worden, sondern sind von domini loci, das heisst von regionalen oder lokalen weltlichen Herren oder von Geistlichen erbaut worden, die ihre Machtansprüche in der Region festigen wollten.