Zeitschrift, Mittelalter 2013/4

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Beschreibung

Elisabeth Crettaz-Stürzel: Die grosse Lust auf Burgen und Museen. Schlossmuseen und Museumsschlösser im Kontext der europäischen Burgenrenaissance

Nanina Egli: Mauern zum Erzählen bringen: Matthäus Pfau, das Indizienparadigma und das Proto-Museum auf Schloss Kyburg (1864–1877)

Armand Baeriswyl: Der Rittersaal im Bärenturm – Die Anfänge des Schlossmuseums Burgdorf

Claire Piguet: Valangin – ein historischer Verein wird Burgherr

Peter Niederhäuser: Der Name verpflichtet: Friedrich Hegi und Schloss Hegi

 

e-periodica.ch/2013/4

 

Die grosse Lust auf Burgen und Museen. Schlossmuseen und Museumsschlösser im Kontext der europäischen Burgenrenaissance

Mit Château de Pierrefonds (Dépt. Oise) in Frankrich, der Burg Kreuzenstein in Niederösterreich und der Hohkönigsburg (Elsass) entstanden Ende des 19. Jh. drei prominente neofeudale Burgmuseen (musée en château). Nach dieser Idee nationaler Architekturdenkmale erbaute auch die republikanische Eidgenossenschaft um 1900 die beiden mittelalterlich aussehenden Museumsburgen (musée en forme d’un château) in Zürich (Landesmuseum) und Bern (Historisches Museum).

Die Epoche, in der solche Burgen entstanden und andere erneuert wurden, wird heute als Burgenrenaissance  bezeichnet. Die Palette der baulichen Eingriffe beim Wachküssen (erneuern, wieder erwecken) der alten Burgen und Ruinen war sehr bunt. Man kann in der Burgenrenaissance deshalb schwer unterscheiden zwischen den verschiedenen Arten der architektonischen Intervention wie Neubau, Rekonstruieren, Restaurieren, Renovieren und Konservieren. Nicht nur Tragweite der Wiederherstellungen der alten Gemäuer war unterschiedlich, auch der Zweck der neuen Burgen entsprach einer grossen Bandbreite an Funktionen. Die Burgenrenaissance generierte multifunktionale Bauten.

Der Wiederaufbau der geerbten Burgen und Ruinen war mit der Aristokratie als Bauherrn eng verknüpft.  Das Bürgertum und der neue industrielle Geldadel machten es ihr aber eifrig nach und verbanden sehr geschickt Herrschaftsutopien mit technischer Moderne. Als Beispiel seien genannt Schloss Landsberg bei Essen (August Thyssen 1904) oder Château de Ripaille (Frédéric Engel-Gros). Denn das Einzige, das die neue Gesellschaftsschicht (Bürgertum und Geldadel) nicht besass und über das der Adel aber in Fülle verfügte, war Tradition und Geschichte. Der Besitz einer Burg (neu oder alt) war Zeichen des sozialen Erfolgs.

Die Burgenrenaissance im Historismus kann man in drei stilistische Phasen aufteilen.  In der ersten romantischen Phase zwischen 1820 und 1850 wurden vor allem spektakulären und bis heute beliebten Phantasierekonstruktionen erstellt. Von 1850 bis 1880, der zweiten Phasen, strebte man nach der unité de style, also der perfekten Stileinheit oder Stilreinheit (le château idéal). 1880 bis 1914 folgte die dritte Phase, in der man bei Burgwiederherstellungen ein stimmungsvolles sozusagen «reales» Mittelalter anstrebte. Verschiedene historische Stilepochen wurden an ein und demselben Bauwerk gemischt. Das château composé löste das château ideal ab.

Die Burgenrenaissance erreichte um 1900 ihren Höhepunkt, das betraf sowohl die Anzahl der Wiederherstellungen als auch das allgemeine öffentliche Interesse an Burgen und ihre fachwissenschaftliche Erforschung (Bodo Ebhardt/Otto Piper). Dazu gesellte sich der regionalistisch orientierte Heimatstil und die internationale Reformbewegung im Kunsthandwerk (Arts & Crafts): Der Jugendstil küsste das Mittelalter. Die historische und archäologische Forschungen Ebhardts gaben der neuen Hohkönigsburg über der Oberrheinebene die nötige Glaubhaftigkeit und den vermeintlichen historischen Wahrheitsgehalt. Eine neu instandgesetzte Burg sollte nun möglichst alt aussehen und Originalsubstanz zeigen.

 

Mauern zum Erzählen bringen: Matthäus Pfau und das Proto-Museum auf Schloss Kyburg (1864–1877)

Matthäus Pfau (1820–1877), ein Kaufmann aus Winterthur, kaufte das Schloss Kyburg und wohnte ab 1865 auf der Burg. Gegen ein bescheidenes Eintrittsgeld zeigte er seine Sammlung von berühmten Gemälden, Folterwerkzeuge, schöne Möbel und Figurinen, die historische Szenen darstellten. Tausende Besucher kamen.

Das anfängliche Gehäuse, das Schloss, wurde ein immer wichtigeres Objekt der Sammlung, am Schluss war die Kyburg selbst das Hauptobjekt. Was für uns wie ein typisches «Museum» klingt, wurde zeitgenössisch nicht Museum genannt.

Pfau lud die Besucher als Gäste in sein Privatleben ein. Im Aufsatz wird argumentiert, dass Pfau das ihm aus der Kunstgeschichte bekannte «Indizienparadigma» auf die Burgarchitektur übertrug und so die stummen Mauern zum Erzählen brachte.

Die rabiaten Methoden – er schlug etwa den Verputz von den Wänden, um Malereien freizulegen – muss zeitgenössisch als Ausdruck eines Bedürfnisses, hinter die Fassaden zu blicken, gedeutet werden. Als Politiker der Demokratischen Bewegung war ihm die Volksbildung ein Hauptanliegen.

Das Proto-Museum auf Schloss Kyburg wurde damit zu etwas, was unserer Vorstellung von Museen näher kommt als die als Museen bezeichneten Institutionen der Zeit.

 

Der Rittersaal im Bärenturm – Die Anfänge des Schlossmuseums Burgdorf

Die Verwaltung des 1831 entstandenen Kantons residierte vielfach wie ihre Vorgänger in ehemaligen Klöstern, Burgen und Schlössern. So auch in Burgdorf. 1884 geriet dabei der zähringische Palas des Schlosses Burgdorf ins Visier des Hochbauamtes, welches neuen Platz für das zu vergrössernde Gefängnis suchte.

Gegen diese Pläne regte sich entschiedener Widerstand bei Einheimischen, denen dieser Raum offenbar schon länger als «Rittersaal» bekannt war. Es bildete sich eine Rittersaal-Kommission, der es 1886 gelang, den Rittersaal nach ihren Vorstellungen zu restaurieren.

Die Wände waren neu im Stil des 14. Jh. ausgemalt, mit Adelswappen an den Wänden, das vermauerte Rundfenster der Kapelle war geöffnet und mit historistischer Glasmalerei versehen und der Kamin mit den erhaltenen Säulen erhielt wieder seinen Rauchhut.

Die ursprüngliche Absicht, den Raum wie ein Rittersaal des 14. Jh. wirken zu lassen, kam aber immer weniger zur Geltung. Bald war der Raum überfüllt mit Schaukästen, Tischen, und einem grossen Doppelschrank, auf denen angekaufte und häufig auch geschenkte historische Gegenstände lagen und standen. Die architektonische Qualität des Schlosses – dessen Nukleus, der Rittersaal, ja den Anfang des Museums gebildet hatte – war völlig in den Hintergrund getreten.

Das änderte sich erst 1953 als der überfüllte Saal ausgeräumt wurde.  Das Sammlungsgut konnte in anderen Ausstellungsräumen untergebracht werden und der Saal erhielt sein Aussehen, wie er nach den bau- und kunsthistorischen Forschungen ausgesehen haben mag.

 

Valangin – ein historischer Verein wird Burgherr

Mit Blick auf die ersten Jahre der Umwandlung und die Art der Veränderung der Burg Valangin in ein Museum, stellt sich die Frage, in welchem Mass die Form des neuen Burgherrn das Resultat beeinflusst. Kollektives Bewusstsein statt individuelle Fantasie führen zu seiner Restaurierung im subtilen Gleichgewicht zwischen « Burgherren-« Fantasie und architektonischen Gegebenheiten.

Gewohnt im Umgang mit historischem Ethos verzichtet die Historische und Archäologische Gesellschaft des Kantons Neuenburg auf ein romantisches Bild einer « Mittelalter-Burg » und bevorzugt die materielle und historische Echtheit der Anlage, die sie mit dem modernen Ansatz der Archäologie sucht. Sie setzt viel Zeit ein für das Sammeln von Geldern und scharrt eine Vielfalt von privaten und öffentlichen Geldgebern um sich. Mit einer leicht zugänglichen Burg, die den Besucher mühelos in historische Umgebung aufnimmt, hofft die genannte  Gesellschaft ein Neuenburger-Teil an das grossen Puzzle beizutragen,  das darin besteht, eine Schweizerische Nationalidentität zu stiften. Aber um dieses Ziel zu erreichen, brauchte es beinahe dreissig Jahre.

 

Der Name verpflichtet: Friedrich Hegi und Schloss Hegi

Das ehemalige Wasserschloss Hegi zählt zu den gut erhaltenen spätmittelalterlichen Burgen der Ostschweiz und verdankt sein Erscheinungsbild vor allem den Herren von Hohenlandenberg.

Später eine zürcherische Obervogtei und nach 1798 ein Bauerngut, gelangte die vernachlässigte Anlage 1915 an den Privatgelehrten Friedrich Hegi. Der renommierte Historiker liess die Anlage nach damaligen denkmalpflegerischen und heimatschützerischen Grundsätzen umfassend wiederherstellen und schuf sich ein Gesamtkunstwerk, wo rekonstruierte historische Räume mit passendem Mobiliar ausgestattet wurden.

Unterstützt vom Landesmuseumdirektor Lehmann und Kantonsbaumeister Fietz, verknüpfte Hegi die bauliche Sanierung mit Archivstudien und blieb damit bei seinen Bemühungen immer auf dem Boden der Wissenschaft.

Ein möglichst authentischer Eindruck war ihm wichtiger als phantasievolle Erneuerung, und wenn er – durchaus gewollt – in die bestehende Bausubstanz eingriff, so stand ihm die «originale» Einheitlichkeit eines Ensembles vor Augen, das er unter grossen finanziellen Opfer in einen mustergültigen Zustand brachte und als Privatmuseum der Öffentlichkeit zugänglich machte.