Beschreibung
Gutscher Daniel: Bald 100 Jahre Erfahrung – Alles klar? Grusswort des Präsdidenten des Schweizerischen Burgenvereins
Lukas Högl: Zwischen Forschung und Praxis: Erfahrungen Perspektiven im Umgang mit Ruinen. Einleitungstext zur Tagung
Florina Pop: Super-Ruinen: Mo(nu)mente zwischen Vergangenheit und Zukunft
Simon Berger: Restaurierung und Nachpflege. Erfahrungen aus der Praxis der Denkmalpflege Graubünden
Martin Portmann: Überwachen und pflegen – Erfahrungen zur Ruinenpflege
Jakob Obrecht: Beobachtungen zum Zerfall von Burgruinen und zu Folgeschäden durch unsachgemäss durchgeführte Konservierungen
Super-Ruinen: Mo(nu)mente zwischen Vergangenheit und Zukunft
Ruinen sind lebendig und ambivalent, sie schwingen zwischen purer Architektur und Antiarchitektur. Gemäss der vitruvianischen Definition entsteht Architektur aus dem Gleichgewicht von drei Eigenschaften: firmitas, utilitas und venustas. Wenn dieser Dreiklang aus dem Gleichgewicht gerät und die Integrität eines Gebäudes verloren geht, wird Architektur zur Ruine. Um ein mögliches neues Leben zu verwirklichen, kann die Ruine eine neue Existenz «super» ihrer vorherigen erreichen –etymologisch verstanden als «über und jenseits».
Krisenmomente in der Geschichte hatten eine zentrale Bedeutung, wenn es darum ging, etablierte Dogmen und Methoden in Frage zu stellen und sie an die Erfordernisse ihrer Zeit anzupassen. So hat die Nachkriegszeit unter «Restaurierung» etwas anderes verstanden als das 19. Jh: Die Idee der kritischen Restaurierung wurde 1944 von Roberto Pane formuliert. Renato Bonelli entwickelte diese Idee zu einem kritisch-kreativen architektonischen Ansatz weiter, der Altes und Neues zu einer Einheit verschmelzen sollte. Ähnliche Ansätze fanden sich in der Praxis beim Umgang mit kriegszerstörten Architekturen, etwa bei Liliana Grassis Eingriff in die Ca‘ Granda in Mailand (1949–1957) und Hans Döllgasts bei der Alten Pinakothek in München (1952–1957).
Heute sind wir mit einer anderen Krise konfrontiert. Super-Ruinen erscheinen als Antwort auf den Umgang mit dem gebauten Erbe im Rahmen der ökologischen Debatte. Dies sind Eingriffe, die minimal, ressourcenschonend und strukturell diktiert sind und durch Lösungen für die unausgewogene firmitas der Ruine eine Harmonie der Fragmente in einem neuen architektonischen Ganzen erreichen. Anhand zweier Beispiele, Astley Castle in Warwickshire, England (2012) und Torre de Merola, Katalonien, Spanien (2019), wird die zeitgenössiche kritisch-kreative Haltung ihrer Umwandlung in Super-Ruinen verdeutlicht. Als Super-Ruine wird die Integration der Ruine in den gegenwärtigen Lebenszyklus bezeichnet und der ihren Übergang in die Zukunft gewährleistet.
Restaurierung und Nachpflege. Erfahrungen aus der Praxis der Denkmalpflege Graubünden
Der Text behandelt die Restaurierung und Nachpflege von Burgruinen im Kanton Graubünden anhand praktischer Beispiele. Grundlegend dafür sind die zwölf Prinzipien des ehemaligen kantonalen Denkmalpflegers Hans Rutishauser. Diese Ideale sind jedoch in der Praxis oft schwer vollständig umzusetzen, da jede Ruine unterschiedliche Voraussetzungen und die Ressourcen oft begrenzt sind. An drei Fallbeispielen werden Herausforderungen und Lösungsansätze gezeigt. In Hohenrätien (Sils i.D.) prägt eine private Eigentümerschaft mit hohem Engagement den Umgang. Die Schutzmassnahmen wie ein Schutzbau, Überdeckung originaler Böden und begrünte Mauerkronen verbinden Restaurierung mit praktischer Nachpflege und Besucherlenkung. In Haldenstein (Chur) wurde aufgrund akuter Gefährdung öffentlich finanziert. Der Fokus lag auf Sicherung statt Erschliessung. Die Massnahmen waren pragmatisch und wurden ergänzt durch gezielte Wasserführung und einfache Kontrollmöglichkeiten. In Neu-Aspermont (Jenins) organisiert eine Stiftung die Restaurierung mit Einbindung von Lernenden. Neue Elemente wie Schutzdach und Treppenanlage zeigen das Spannungsfeld zwischen Substanzerhalt, Zugänglichkeit und Finanzierung. Aus den Beispielen ergeben sich zentrale Erkenntnisse: Schutzbauten, Übermauerungen und Erschliessungen können Substanz sichern, haben aber neue Herausforderungen und Interpretationsrisiken zur Folge. Jede Massnahme muss sorgfältig abgewogen werden, insbesondere hinsichtlich Authentizität und Eingriffstiefe. Entscheidend ist eine klar geregelte, regelmässige Nachpflege. Ohne diese verlieren auch gute Restaurierungen ihren Wert. Als Fazit konstatiert der Verfasser, dass der Zerfall von Ruinen nur verzögert, nicht aber verhindert werden kann. Ziel ist ein verantwortungsvoller Umgang mit der Ruine, um ihren historische Zeugniswert für kommende Generationen zu bewahren.
Überwachen und pflegen – Erfahrungen zur Ruinenpflege
Die Umsetzung einer systematischen Ruinenpflege erfordert genügend Ressourcen sowie die Entwicklung entsprechender Arbeitsprozesse. Dabei stellen sich verschiedene Fragen: Welche Form von Betreuung braucht ein Objekt? Wie regelmässig und mit welchem Aufwand müssen Zustände überprüft und dokumentiert werden? Es braucht zuerst einen Überblick über den Zustand der Objekte und der anstehenden Aufgaben. Die aktive Form des Objektmanagements erlaubt es, Projekte zu priorisieren und eine mittel- bis langfristige Personal- und Finanzplanung zu erstellen. Das langfristige Monitoring soll in Zukunft Daten zum Verhalten von Schäden liefern und die Wirksamkeit von Massnahmen über deren Erfolg oder Misserfolg bewertbar machen. Über das Monitoring können auch Schadensprozesse über einen längeren Zeitraum beobachtet und in die Planung von Nachrestaurierungen einbezogen werden. Vor Projektbeginn ist zu definieren, welche Anforderungen an die Dokumentation bezüglich Genauigkeit und Umfang gestellt werden. Dabei ist nicht nur das Restaurierungsprojekt selbst, sondern auch die Vorgaben und Zielsetzungen für ein künftiges Monitoring entscheidend. Bei der Umsetzung von Massnahmen muss ein Schwerpunkt auf der ausführlichen Dokumentation sämtlicher Arbeitsschritte liegen.
Beobachtungen zum Zerfall von Burgruinen und zu Folgeschäden durch unsachgemäss durchgeführte Konservierungen
Schwerpunkte des Aufsatzes bilden einerseits die Beschreibung der Auslöser für einige typische Schadensbilder am Mauerwerk von dachlosen Burgruinen und andererseits die wichtigsten Grundsätze, wie solche Schäden wirksam verhindert werden können.
Wind, Sonne, Regen, Schnee, Eis und grosse Temperaturunterschiede setzen jedem Bauwerk zu. Es wird nicht mehr genutzt, nicht mehr unterhalten und wird so zwangsläufig irgendwann zur Ruine. Der Zerfall wird durch aufkommenden Pflanzenbewuchs, Abbruch zur Gewinnung von Baumaterialien und Vandalismus zusätzlich beschleunigt. Hinzu kommt, dass feuchter beziehungsweise durchnässter Kalkmörtel nicht frostbeständig ist.
Ab der 2. Hälfte des 19. Jh. – mehrheitlich aber zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg – hat man in der Schweiz viele Burgruinen ausgegraben und restauriert. Diese Arbeiten wurden nach damalig bestem Wissen, doch aus heutiger Sicht oft unsachgemäss ausgeführt.
Das heisst, getroffene Massnahmen führten schon bald wieder zu Schäden. Zudem wurden viele der in Stand gesetzten Ruinen – wenn überhaupt – nur mangelhaft unterhalten, was deren Zerfall zusätzlich beschleunigte. Als Folge davon müssen wir uns bei aktuellen Ruinensanierungen oft mit der Instandstellung von Flickmauerwerk auseinandersetzen, das in den vergangenen 150 Jahren neu hinzugefügt worden ist.




