83. Jahresversammlung des Schweizerischen Burgenvereins

28. und 29. August 2010 in Glarus

Samstag, 28. August 2010: Näfels Letzi, Artilleriewerk Niederberg und Glarus

Bei regnerischem Wetter kamen am Samstag, 28.8.2010 trotzdem rund 40 Mitglieder des Vereins zum Treffpunkt am Bahnhof Näfels (GL), um der Tagesexkursion zu folgen. Nach der offiziellen Begrüssung führte Thomas Bitterli (Geschäftsführer des Vereins) zum ersten Etappenziel: die rekonstruierte Letzimauer beim Schlachtdenkmal von Näfels.

Die Letzi von Näfels ist nach dem Beitritt des Landes Glarus zum Bund der Eidgenossen 1352 auf Betreiben der Waldstätte erfolgt, wie dies eine habsburgische Klageschrift 1356 behauptete. An der Letzi fand 1386 die für das Land Glarus bedeutsame Schlacht von Näfels statt, an die alljährlich bei der «Näfelser Fahrt» gedacht wird. Zum Bau der Letzi und den noch erhaltenen Teilen hat in der Vereinszeitschrift Mittelalter 2010/2 Jakob Obrecht ausführlich berichtet.

Die Letzi ist an einer strategisch und taktisch sehr geeigneten Stelle errichtet worden, so dass jahrhunderte später auch die Festungs-Ingenieure vor dem Zweiten Weltkrieg nördlich davon für die Panzersperre Näfels diesen Ort wählten. Gebaut wurde 1940 ein quer durch das Tal führender Wassergraben vom Rautibach (im Westen) bis zur kanalisierten Linth (im Osten). Zur Verteidigung dieses Panzerhindernisses nördlich vor der Letzi wurden insgesamt 6 Infanteriebunker gebaut, die heute noch, teils als Scheunen getarnt, bestehen. Zum Verstärkung wurde ostwärts das Artilleriewerk Beglingen und westwärts das Artilleriewerk Niederberg errichtet.

Das Artilleriewerk Niederberg ist seit 2007 Jahren in Besitz der Gemeinde Näfels und kann im Rahmen einer geführten Besichtigung gegangen werden. Mit einer Dia-Show und anschliessendem Rundgang in zwei Gruppen stellte uns Erich Schindler (Bauamt Näfels) die Festung vor. Mit dem Bau wurde im Dezember 1941 begonnen und bereits im Oktober 1942 waren die vier eingebauten Bunkerkanonen 7,5 cm Bk 39 auf Ständerlafetten schussbereit. Neben der Verteidigung des Panzergrabens Näfels hatte das Artilleriewerk die Aufgabe, die Achse Walensee – Zürichsee unter Beschuss zu nehmen.
Da es draussen immer noch regnete, durften wir in der Mannschafts-Kantine das mitgebrachte Picknick im trockenen geniessen, ca 100 m im Fels verborgen. Während die mittelalterliche Burg gut sichtbar war – die Sichtbarkeit war ein Symbol der Macht – , ist die modernste «Burg» – der Begriff ist hier auf die Wehrfunktion reduziert – fast unsichtbar und nur noch durch die getarnten Scharten an der Oberfläche erkennbar.

Nach diesem Ausflug in die jüngere Geschichte des 20. Jh. führte die Exkursion am Nachmittag in die Stadt Glarus. Immer noch mit aufgespanntem Regenschirm folgten wir in zwei Gruppen den Erläuterungen von @@ Marti und @@ zur Geschichte von Glarus. Nach dem verheerenden Brand von 1861 wurde der Ort auf völlig neuem Grundriss (schachbrettartig) wieder aufgebaut. Dabei wurde sogar die Topographie verändert, in dem man ein Moränenhügel (Tschudirain) komplett abtrug und damit die gesamte Brandstätte überdeckte. So liegen diese Brandschichten heute unter bis zu drei Meter dickem Schotter und werden nur an wenigen Stellen durch tiefergehende Fundamente gestört. Entgegen der bisher geltenden Regel wurde die Achse der Stadtkirche nicht geostet, sondern dem neuen Stadtplan angepasst; der Chor liegt im Westen. In der regelmässig überbauten Fläche fällt eine kleine Grünfläche auf: Hier befand sich vor 1861 der Friedhof, den auch die Moderne nicht zu überbauen wagte.

Um 17 Uhr versammlten sich die anwesenden Mitglieder des Vereins im Saal des Stadthofes von Glarus zur statutarischen Jahresversammlung 2010. In die Präsenzliste eingetragen haben sich 16 Vereinsmitglieder und 7 Vorstandsmitglieder. Die traktandierten Themen gaben wenig Anlass zu einer Diskussion. In Ergänzung zum Jahresbericht machte der Vizepräsident Urs Clavadetscher – die Präsidentin Dr. Renata Windler war krankheitshalber abwesend – kurze Bemerkungen zu den künftigen Publikationen. Als SBKAM 37 wird der Spaniola-Turm von Pontresina als Monographie erscheinen. Der zweite vorgesehene Beitrag über die Burg Marmels/Marmorera kann nicht publiziert werden, da das Manuskript nicht rechtzeitig eingeliefert wurde. Der nächste Jahresband SBKAM 38 wird dem ehemaligen Kloster Beerenberg gewidmet – die Teilnehmenden der Frühjahresexkursion vom 28. Mai 2010 konnten ja das Objekt vor Ort anschauen. Ein neuer Vereinsprospekt ist in Arbeit und sollte auf das neue Jahr 2011 erhältlich sein; er wird allen Mitgliedern in einem Heftversand zustellt. Die Jahresrechnung und Bilanz 2009 und das Budget 2011 mit gleichbleibenden Jahresbeiträgen wurden einstimmig angenommen. Gemäss den Statuten muss an dieser Jahrestagung der Vorstand für eine weitere Amtsperiode gewählt werden. Aus dem Vorstand tritt Dr. Jürg Schneider (Zürich) zurück, der seit 1992 Mitglied des Vorstandes war. Die übrigen Vorstandsmitglieder und die Präsidentin stelten sich für weitere drei Jahre zur Verfügung und werden einstimmig wieder gewählt. Zur Ergänzung des Vorstandes werden der Jahresversammlung Prof. Dr. Gae¨tan Cassina (Vetroz VS) und Peter Niederhäuser (Winterthur) vorgeschlagen; beide sind einstimmig gewählt worden.

Sonntag, 29. August 2010: Landesplattenberg, Schieferfabrik Elm

Wohl wegen des unsicheren Wetters vom Vortag nahmen am Sonntag am Bahnhof Schwanden noch 21 Vereinsmitglieder an der Exkursion ins Sernftal ein. Bei sonnigem Wetter und angenehmen Temperaturen stiegen wir vom Plattenlager Engi zum Stolleneingang des Landesplattenberges auf.

Der Plattenberg von Engi GL wird im 16. Jh. erstmals urkundlich erwähnt. Im 17. Jh. war er ein bedeutender Arbeitsgeber. Schieferprodukte wurden in viele europäische Länder exportiert. Im 18. Jh. ging der Schieferabbau zurück, bevor im 19. Jh., nach dem Bau der ersten Talstrasse (1826) wieder ein Aufschwung einsetzte. Die unhaltbaren Arbeits- und Lohnbedingungen (z.B. Alkoholkontingente statt Barlohn) zwangen die Obrigkeit 1832 den Schieferbruch der Landeshoheit zu unterstellen, was zur heutigen Bezeichnung «Landesplattenberg» führte. 1921 wurde der Betrieb an eine private Gesellschaft verpachtet. 1961 erfolgte die Stilllegung aus arbeitshygienischen (Silikose) und wirtschaftlichen Gründen.

Der Abbau des Schiefers erfolgte durch Stollen, die in die Schieferschichten getrieben wurden. Dabei wurden die Schieferplatten jeweils aus der Stollensohle gebrochen, so dass sich der Stollen allmählich nach unten zu riesigen Hallen erweiterte. Diese, von regelmässig angeordneten Stützen (nicht abgebaute Schichten) getragen, stehen in eindrücklichem Gegensatz zu den engen Stollen und Kavernen der Militärfestung von Niederberg, die wir am Vortag besuchten. Die künstlich geschaffenen Höhlen im Fels eignen sich heute auch sehr gut als Konzertsaal, wie uns diverse Klangbeispiele zeigten. Am Stollenausgang wartete bei bestem Herbstwetter das «Stollensteak» auf die hungrigen Exkursionsteilnehmenden, das bei genügend Zeit in aller Ruhe genossen wurde.

Am Nachmittag schloss sich der Besuch der Schiefertafelfabrik in Elm an. Zunächst wurde eingehend über das grosse Ereignis des Bergsturzes von Elm informiert (11.9.1881).
Das Schiefergeschäft prägte die Geschichte des Sernftales und der Gemeinde Elm über Jahrhunderte. Anfänglich brachte die Schieferverarbeitung den Bergbauern einen willkommenen Nebenverdienst. Den Anlass für die gewerbsmässige Ausbeutung gab Mitte des 19. Jh. die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Der weiche Elmer Schiefer eignete sich nämlich gut zur Herstellung von Schreibtafeln und Griffeln. Die Aussichten auf reichlich fliessende Geldströme bewogen die Elmer Bürger 1878, den Abbau auf eigene Rechnung zu betreiben. Mangelnde Kenntnisse im Bergbau führten dann aber zum erwähnten Bergsturz, dem 114 Einwohner zum Opfer fielen. Rund zehn Jahre nach der Katastrophe wurde der Abbau wieder aufgenommen, diesmal aber nicht mehr im Tagebau sondern im Stollenbau wie am Landesplattenberg. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte dann zur Stilllegung der Arbeiten.

Die 1898 gegründete Schiefertafelfabrik der Gebrüder Schenker überdauerte die Einstellung der Bergwerke. In über 30 Arbeitsgängen, die uns einzeln im Museum gezeigt und ausführlich erlautert wurden, entstanden Schultafeln, später auch Jasstafeln und Souvernierartikel. Nach der Aufgabe der Produktion 1983 erwarb die Stiftung «pro Elm» das Fabrikgebäude und beliess alles im vorgefundenen Zustand: An der Wand hängen z. B. noch Regenmantel und Schirm des letzten Arbeiters, samt der Tageszeitung in der Tasche. So ist die Fabrik von Elm heute die einzige noch vorhandene und funktionsfähige Schiefertafelfabrik der Schweiz. Die Teilnehmenden waren vom ganzen Exkursionsprogramm sehr begeistert.

(Thomas Bitterli)

Fotos: Marcel Wagner / Thomas Bitterli

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