Restiturm und ehemalige Lazariterkirche St. Michael in Meiringen

Restiturm und ehemalige Lazariterkirche St. Michael in Meiringen

30. April 2005

Von Dr. Renata Windler

Der Rahmen für die diesjährige Frühjahrsversammlung in Meiringen hätte perfekter kaum sein können: warmes, sonniges Wetter, blühende Bäume, tosende Wasserfälle und auf den Bergspitzen noch strahlend weisser Schnee. Nicht weniger gelungen war das Programm der Tagung, durch das uns Dr. Daniel Gutscher, Vorstandsmitglied und Leiter der Mittelalterarchäologie beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern, kompetent und engagiert führte.

Der Restiturm, dessen Besichtigung am Vormittag auf dem Programm stand, war bereits Thema von Heft 1/2005 der Zeitschrift «Mittelalter  Moyen Age  Medioevo  Temp medieval». Die Bauuntersuchung im Rahmen der eben abgeschlossenen Konservierung dieses Bauwerks hatte zahlreiche neue Erkenntnisse erbracht. Daniel Gutscher informierte die Mitglieder des Schweizerischen Burgenvereins nun aus erster Hand. Nach einer Einführung in die historischen Zusammenhänge, u. a. in die herrschaftspolitische Bedeutung des Haslitals als Durchgangsgebiet zu verschiedenen Alpenpässen, folgten Erläuterungen zur Restaurierung um 1915 durch den Architekten Emanuel Jirka Propper und zur jüngsten Konservierung im Jahr 2004. Letztere boten zugleich einen Einstieg in das Thema der Ruinenkonservierung, dem die Anfang Juni 2005 in unserer Monographienreihe erscheinende Publikation «Gesicherte Ruine oder ruinierte Burg? Konservieren  Instandstellen  Nutzen» gewidmet ist.

Inneres des Restiturms in Meiringen
Inneres des Restiturms in Meiringen.
Bild: Archäologischer Dienst des Kantons Bern

Die Erklärungen am Bauwerk brachten Einblicke in mannigfaltige Details der Baugeschichte, von den verschiedenen Bauetappen bis zu den Grundzügen der Inneneinrichtung. Der Burgturm Resti, als dessen Besitzer Ritter Peter von Resti um 1250 urkundlich belegt ist, wurde gemäss dendrochronologischer Untersuchungen in jener Zeit errichtet. Anhand von Beobachtungen am Bau kann die Funktion der ursprünglich vier, nach der Aufstockung von 1390/1400 fünf Etagen erschlossen werden: Vom Kellerraum über die Küche, den Wohnraum mit angrenzendem Abort bis zum Schlafgemach und  nach der Aufstockung  der Wachtstube. Wenn auch in bescheidenen Dimensionen sind alle Teile eines adeligen Wohnsitzes vorhanden. Bemerkenswert ist der Nachweis von vier vorkragenden, in Blockbautechnik erstellten Erkern im Wehrgeschoss. Als wir nach den anschaulichen Erläuterungen verschiedenster baulicher Details schliesslich bei den Zinnen des Turms anlangten, verwöhnte uns der Gemeinnützige Verein Meiringen vor perfekter landschaftlicher Kulisse mit Käse, Brot und Wein.

Bei der Rückkehr ins Dorf Meiringen überschritten wir den Milibach, der im 18. Jahrhundert durch massive Wehrmauern eingedämmt wurde. Als wir am Nachmittag die Pfarrkirche besichtigten, wurden Sinn und Zweck dieser aufwändigen Baumassnahme deutlich. Der romanische Kirchturm, der gleich einem lombardischen Campanile neben der Kirche steht und damit zugleich an die Passverbindungen nach Oberitalien erinnert, ist in meterhohen Schuttmassen des Alpbachs versunken. Im Innern der heutigen Kirche wurde uns die Gewalt dieses Wildbachs erneut vor Augen geführt. Über der Empore des im 17. Jahrhundert neu gestalteten Kirchenraums ist eine Markierung mit erläuternder Inschrift angebracht: Bis dort hinauf, d. h. 4-5 m über dem Kirchenboden, habe der Alpbach 1762 den Innenraum der Kirche mit Schutt gefüllt, und innert nicht mehr als 14 Tagen habe die Dorfbevölkerung die Kirche vom Schutt frei geräumt.

Untergeschoss der Kirche Meiringen
Untergeschoss der Kirche Meiringen mit Spuren, die aus dem 11. Jahrhundert stammen könnten.

Dass dies nicht das erste Mal war, dass Wildwasser die Meiringer Kirche verschüttet hatte, zeigte darauf die Besichtigung des Untergeschosses der Kirche. Hier waren 1915 unter etwa 5 Meter hohen Schuttmassen die Reste älterer Kirchenbauten freigelegt worden. Der älteste klar fassbare Bau mit halbrunder Apsis könnte aus dem 11. Jahrhundert stammen. Dass unter weiteren Schuttmassen noch ältere Bauten verborgen, kann derzeit nur vermutet werden. Eine Aufwertung erfuhr die Kirche, als sie 1234 Lazariterkommende wurde. Mit dieser Funktionsänderung dürfte die Schrankenanlage in der bereits zuvor vergrösserten Kirche mit Rechteckchor zusammenhängen. Dank der Schuttmassen, die diese Anlage zu einem unbekannten Zeitpunkt im ausgehenden Mittelalter überdeckt hatten, ist die Schrankenanlage hier in einmaliger Vollständigkeit erhalten geblieben. Ein turmartiger Anbau an der Nordseite des Chors dürfte den Angehörigen des Ritterordens einen standesgemässen Wohnsitz geboten haben.

1915 hatte man sich im Wesentlichen darauf beschränkt, die mächtigen Schuttschichten herauszuschaufeln. 90 Jahre später sollen die archäologischen Zeugen nun erstmals nach modernen Gesichtspunkten dokumentiert und unter Wahrung der originalen Substanz durch den archäologischen Dienst des Kantons Bern untersucht werden. Auf weitere Ergebnisse zu Fragen von Funktion und Baugeschichte darf man gespannt sein.

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