Generalversammlung in Locarno

Jahresversammlung 2007 in Locarno

1./2. September 2007

80. Jahresversammlung des Schweizerischen Burgenvereins

Locarno mit dem Castello und Rivellino und ausgewählte Ruinen im Mendrisiotto und Sottocenere waren das Ziel der 80. Jahresversammlung des Schweizerischen Burgenvereins vom 1. und 2. September 2007. Im Heft 2/2007 wurden verschiedene Aspekte der Mittelalterarchäologie im Tessin und einzelne Exkursionsziele bereits vorgestellt. Die Jahresversammlung in der Sala Sopraceneriana in Locarno besuchten 29 Mitglieder. Neben den alljährlich wiederkehrenden Traktanden waren diesmal auch die Ergänzungswahl in den Vorstand und die Erhöhung des Jahresbeitrages zu behandeln. Nach dem Rücktritt von Daniel Gutscher wurde auf Vorschlag des Vorstandes Armand Baeriswyl (Archäologischer Dienst Bern) mit Akklamation gewählt. Ohne Diskussion wurde von den anwesenden Mitgliedern der Vorschlag des Vorstandes zur Erhöhung des Jahresbeitrages angenommen (siehe separate Mitteilung).

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Castello Visconteo di Locarno
(Foto: Hüeblin)
  Castello Visconteo di Locarno
(Foto: Bitterli)

Am Samstagnachmittag stand der Besuch von Castello Visconteo und Rivellino auf dem Programm. Zunächst begrüsste Herr Carazetti, der Leiter des Museums, die Anwesenden und stellte mit einigen Dias die Entwicklung der Burg von Locarno dar. Bei der anschliessenden Führung durch das Gebäude wies er besonders auf die sehr respektvolle Sanierung der Burgruine. Anschliessend stellte Marino Viganò seine Forschungen zum Rivellino vor, einem fortifikatorischen Teil der Burg von Locarno. Wie der abschliessende Augenschein dieses in jüngster Zeit vieldiskutierten Bauteiles zeigt, handelt es sich um eine wenig auffällige Partie der Burg, die vollständig von Wohnbauten umgeben ist; das Besondere dieses Rivellino liegt darin, dass er möglicherweise der einzige erhaltene Baukörper ist, der nach Plänen von Leonardo da Vinci gebaut wurde.

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Castello / Tremona TI
(Foto: Luckmann)
  Castello / Tremona TI
Ausgrabungsleiter Alfio Martinelli
(Foto: Luckmann)

Das nächste Ziel der Exkursion war die Cà di Ferro in Minusio. Der private Besitzer erlaubte uns freundlicherweise Teile des Gebäudes und den Turm von innen zu besichtigen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass das in mittelalterlicher Manier wehrhaft wirkende Gebäude rund 60 Jahre nach dem für damalige Begriffe hochmodernen Rivellino errichtet wurde. Es war aber nicht ein Nostalgiker, der dies baute, sondern ein schlauer Fuchs, der eine wehrhafte Anlage mit einer Palazzofassade tarnte; denn im 16. Jahrhundert galt das Tessin als entmilitarisierte Zone, in der keine Wehrbauten mehr errichtet werden durften. Massive Fenstergitter und Schlitzscharten deuten auf die Wehrhaftigkeit hin. Die innere Organisation der Vierflügelanlage war so konzipiert, dass in einem Flügel die Söldnerkaserne untergebracht war, in zwei Seitenflügeln die Lagerräume und im seeseitigen Flügel die Residenz des Söldnerführers. Jeder Flügel war hermetisch gegen die anderen abgeschlossen. Verblüffend ist die Feststellung, dass der freistehende massive Turm neben dem Palazzo nur über eine Fallbrücke im zweiten Obergeschoss des Residenzflügels zugänglich war. Hier konnte sich der Söldnerführer im Falle einer Revolte seiner Söldner verschanzen..

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Exkursionsgruppe vor Cà di Ferro / Minusio
(Foto: Boxler)
  Cà di Ferro / Minusio TI
Schlüsselscharte im Wehrturm
(Foto: Luckmann)

Am Sonntag versammelten sich 20 Mitglieder zur Exkursions ins Mendrisiotto, wo als erstes Ziel Tremona-Castello angesteuert wurde. Mit anschaulichen Worten erklärte der Foschungsleiter der Grabungen, Alfio Martinelli, die Befunde. Der Siedlungsplatz wurde vom Neolithikum bis ins Hochmittelalter immer wieder benutzt. Die jetzt sichtbaren Strukturen stammen von einer Siedlung aus dem 8 - 13. Jh. Zwei parallele Häuserzeilen und zwei Einzelreihen sind von einer Ringmauer umschlossen, in der das Tor zweimal den Standort wechselte. Wie die Befunde zeigen, scheint die Anlage in der Mitte des 13. Jh. durch Brand zerstört worden zu sein. Das lässt sich auch am reichhaltigen Fundgut ablesen - eine ausführliche Darstellung wird in unsere Zeitschrift in Heft 3/2007 folgen.

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Castello / Castel San Pietro TI, chiesa rossa
(Foto: Luckmann)
  Torre di Redde / Vaglio TI, Turmruine
(Foto: Hüeblin)

Auch der Burghügel von Castel San Pietro, dem nächsten Ziel, ist schon seit prähistorischen Zeiten besiedelt worden. Die 1171 erstmals erwähnte Burg weist eine weitläufige Ringmauer auf und wurde um 1340 nochmals umgebaut, in dieser Zeit entstanden die heute noch bestehende Chiesa Rossa und ein Palas, von dem nur noch geringe Mauerspuren sichtbar sind. Ein Rundgang durchs Gelände zeigt, dass die Burgruine weiter zerfallen wird, wenn nicht rasch etwas dagegen unternommen wird. Nach dem Mittagessen im Grotto Loverciano (Castel San Pietro) führte die Reise wieder Richtung Norden nach Vaglio. Mitten im lockeren Buchenwald erhebt sich die Turmruine von Redde, der einzig sichtbare Rest einer ausgedehnten Siedlung aus dem 11.-15. Jh., die nur noch schwach im Waldboden erkennbar ist. Da die Exkursionsteilnehmenden von den bisherigen Eindrücken derart gesättigt waren, verzichteten wir auf den abschliessenden Besuch der Burgstelle S. Ambrogio bei Mezzovico-Vira und fuhren direkt nach Bellinzona zurück.

Thomas Bitterli, Exkursionsleitung

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