Alpine Wüstungen im Berner Oberland.

Ein archäologischer Blick auf die historische Alpwirtschaft in der Region Oberhasli.

von Brigitte Andres

Jahresausgabe 42

von Ulrike Schröer

Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 42, Verlag Schweizerischer Burgenverein, Basel 2016 - Hardcover, 210 x 297 mm, 364 Seiten, 187 Abbildungen
ISBN 978-3-908182-26-9.

Die Publikation widmet sich der Alpwirtschaftsgeschichte der Region Oberhasli. Ausgangspunkt bilden die bei Prospektionen dokumentierten Überreste von alpwirtschaftlichen Bauten, die in Text und Bild beschrieben werden. Anhand von archäologischen Vergleichen sowie Schrift- und Bildquellen wird die alpwirtschaftliche Infrastruktur vom Mittelalter bis zur Neuzeit untersucht und in den historischen Kontext gestellt.

Beim Grossprojekt «Schneeparadies Hasliberg-Frutt-Titlis» war geplant, drei bestehende Wintersportgebiete durch Neubauten von Transportanlagen zu verbinden. Da aus archäologischer Sicht die Alpgebiete der Region Oberhasli bislang unbeschriebene Blätter waren, entschloss sich der Archäologische Dienst des Kantons Bern zu umfangreichen Prospektionskampagnen, um das archäologische Potential der Region vorgängig abzuschätzen.

Bei den Geländebegehungen 2003, 2004 und 2006 im Gadmental, Gental sowie am Hasliberg wurde die unerwartet hohe Zahl von rund 350 neuen archäologischen Befunden dokumentiert. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Überreste verschiedener Befundkategorien, wie Gebäudegrundrisse, Konstruktionen unter Fels, Pferche, Weidemauern, Wegabschnitte und Erzabbaustätten. Da sich die bisherigen Forschungen zu alpinen Wüstungen vor allem auf die Innerschweiz und das Wallis beschränkten, bot sich eine Aufarbeitung des umfangreichen Befundensembles aus dem Berner Oberland an. Die meisten Strukturen stehen im Zusammenhang mit der Alpwirtschaft im Mittelalter und in der Neuzeit, die in der Region anhand von Schriftquellen seit dem 13. Jh. nachgewiesen ist. Durch die günstige Lage an verschiedenen Passrouten war die Region ab der frühen Neuzeit in den wirtschaftlich wichtigen Südhandel mit Vieh und Käse involviert.

Ein Überblick über die Wüstungsforschung im Schweizer Alpenraum zu Beginn der Arbeit bespricht die archäologischen Untersuchungen, Prospektionen und Bauforschungen und weist gleichzeitig auf die Forschungslücken hin. Damit wird aufgezeigt, wie die Vergleichsbasis für die Fundstellen in der Region Oberhasli aussieht.

Die Auswertung der archäologischen Strukturen im Alpgebiet bildet das Kernstück für weiterführende Aussagen zur regionalen Entwicklung der Alpwirtschaft. Die Befunde werden kategorienweise beschrieben. Einen wesentlichen Teil der Arbeit macht der Befundkatalog aus, in dem sämtliche Gebäudegrundrisse, Konstruktionen unter Fels und Pferche beschrieben und als Zeichnungen abgebildet werden. Er bietet die Möglichkeit zum formalen Vergleich von Wüstungen und soll als Hilfsmittel für weitere Arbeiten innerhalb des Berner Oberlands, aber auch darüber hinaus dienen.

Im Untersuchungsgebiet wird auch heute noch Alpwirtschaft betrieben, weshalb eine isolierte Betrachtung der archäologischen Befunde wenig sinnvoll erschien. Die Kontinuität der alpwirtschaftlichen Nutzung bot die Gelegenheit, die archäologischen Überreste vergangener Jahrhunderte den jüngeren Bauformen gegenüberzustellen. Da die Befunde nicht ausgegraben wurden, ergänzten Vergleiche von Merkmalen, wie Standort, Bauweise und Grösse von bestehenden Alpgebäuden, Ergebnissen der Bauernhausforschung und Ausgrabungsresultaten aus anderen Regionen die Auswertung. Daneben gibt es zahlreiche historische und ethnographische Schrift- und Bildquellen, die alpwirtschaftliche Tätigkeiten, wie Milchverarbeitung, Viehhaltung und Wildheuproduktion, beschreiben oder abbilden. Eine Annäherung an die ehemalige Funktion der Wüstungen im Oberhasli erfolgte über diese historisch überlieferte oder heute noch bekannte alpwirtschaftliche Infrastruktur. Ausgehend vom archäologischen Befund wurde versucht, die baulichen Überreste der Wüstungen einer Funktion oder einem Tätigkeitsfeld zuzuordnen.

Die kulturhistorische Einordnung schliesslich zeigt, welche Vergleichsmöglichkeiten sich zur Deutung von nicht ausgegrabenen Prospektionsbefunden heranziehen lassen und wie sichtbar die verschiedenen alpwirtschaftlichen Tätigkeiten im archäologischen Befund sind. Die für die Milchwirtschaft charakteristische Infrastruktur zur Kühlung und Verarbeitung von Milch sowie zur Lagerung der Molkereiprodukte wäre anhand von Gebäuderesten, Feuerstellen, Turnersteinen und Ablagebänken erkennbar. Letztere befinden sich in Innenräumen und lassen sich ohne Grabung schlecht identifizieren. Zudem hat sich das weitgehend aus Holz gefertigte Mobiliar nicht erhalten. Die Viehhaltung zeigt sich hingegen in einfacher erkennbaren Befunden, wie Weidemauern, Stall- und Pferchgrundrissen.

Weiter wurden auch Fragen der bisherigen Wüstungsforschung aufgegriffen und diskutiert. Neben der Einbettung von Ergebnissen aus dem Oberhasli in bekannte Erklärungsmodelle konnten auch regionale Eigenheiten herausgearbeitet werden. Als wichtigste Unterschiede lassen sich die im Oberhasli seltenen Pferche und Pferchsysteme festhalten sowie die fehlende Entwicklung zu mehrräumigen Alpgebäuden in der frühen Neuzeit. Die einräumigen Alphütten wurden erst ab 1800 unter dem Einfluss der Oekonomischen Gesellschaft allmählich von mehrräumigen Mehrzweckbauten abgelöst, die vorerst aus einem Sennerei- und einem Stallteil bestanden und stellenweise noch heute erhalten sind. Der Hauptgrund für die Einräumigkeit von Sennhütten ist auf die in der Region seit dem 16. Jh. verbreitete Vollfettkäserei zurückzuführen, bei der kein separater Kühlraum zum Abrahmen der Milch nötig ist. Auch der Käsespeicher war im östlichen Berner Oberland nicht in einem Raum in der Sennhütte integriert, sondern es gab eigene, freistehende Bauten. Aus den Schriftquellen geht hervor, dass Herstellung und Handel von fettem Hartkäse lukrativer waren als der Verkauf von Butter; durch die lange Lagerung eignete sich der Hartkäse zudem für den Transport über die Saumpfade nach Norditalien.

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