Vorindustrielle Lastsegelschiffe in der Schweiz

Buchpräsentation am 24. November 2008 im Ortsbürgersaal in Weesen

Mit der vom Schweizerischen Burgenverein herausgegebenen Publikation des Autors Thomas Reitmaier erscheint erstmals ein Werk, das die bisher bekannten frühneuzeitlichen und älteren Schiffswracks in Schweizer Seen vorstellt und einen breiten Einblick in die Schifffahrt vom 17. bis. 19. Jahrhundert bietet. Die 2003 in Weesen entdeckten Schiffsreste der Zeit um 1530 zählen zu den bedeutendsten Funden und sind Anlass, zur Buchpräsentation in die archäologische Schatzkammer am Walensee einzuladen.

Seen und Flüsse - einst erstrangiges Wegnetz
Bis in die Zeit um 1900 stellten Europas Seen und Flüsse ein zusammenhängendes Wegenetz dar, auf dem über viele Jahrhunderte hindurch Waren des täglichen Bedarfs sowie des internationalen Fernhandels, aber auch Menschen und Tiere, auf verschiedengestaltigen Wasserfahrzeugen befördert wurden. Die Schweiz nahm dabei eine zentrale Schlüsselposition für den Nord-Süd-Verkehr zwischen Deutschland und Italien und für den Ost-West-Transit in Richtung Frankreich/Mittelmeer ein.

Neues Licht auf bisher kaum erforschte Transportmittel
Sind die wirtschaftlichen, rechtlichen und historischen Zusammenhänge dieses Wasserverkehrs mitunter bereits sehr gut untersucht, so standen die traditionellen Transportmittel selbst, die Lastschiffe also, bislang nicht im Vordergrund der Forschung. Gleichzeitig ist zu bedauern, dass sich, bis auf einzelne Ausnahmen (am Genfersee), kein einziges dieser vorindustriellen Fahrzeuge obertägig erhalten hat. Zu schnell hatte der Fortschritt der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert das alte Gewerbe und Handwerk überrollt. Neue Verkehrsmittel aus Stahl (Dampfschiff und Eisenbahn) gewannen rasch die Oberhand in der Spedition. Aus diesem Grund lassen sich hölzerne Lastsegelschiffe im Original heute lediglich als Wracks unter Wasser genauer studieren, um Informationen zu deren Form, Ausstattung und Bauweise, Typenvielfalt, Innovationen und Entwicklung zu erhalten. Die vorliegende Arbeit führt so erstmals vor allem für das ost- und zentralschweizerische Gebiet zwischen Bodensee und Vierwaldstättersee eine Bestandsaufnahme von archäologisch bedeutsamen Schiffswracks durch, doch greift die umfassende Studie auch auf das Seengebiet der Westschweiz über und bietet somit die erste zusammenfassende Darstellung vorindustrieller Lastsegelschiffe auf Schweizer Gewässern.

Reiseberichte, Schiffmacherordnungen, Votivbilder - vielfältige Informationsquellen
Bei den ausführlicheren Einzeluntersuchungen in den einzelnen Seenregionen vom Bodensee bis zum Genfersee war es vor allem wichtig, ja selbstverständlich, den archäologischen Gegenstand "Wrack" nicht isoliert zu sehen, sondern in einen grösseren, insbesondere mit schriftlichen und bildlichen Zeugnissen erweiterten Zusammenhang zu stellen. Die Bandbreite dieser Quellen erstreckte sich dabei von Reiseberichten und persönlichen Erinnerungen, Schiffmacherordnungen, Bauabrechnungen, Totenbüchern über Inventare und rare Baubeschreibungen bis zu Landschaftsmalereien, Glasfenstern, Votivtafeln und frühen Fotografien. Erst damit war es möglich, mögliche Einflüsse und verschiedenartige Entwicklungslinien im hölzernen Schiffbau im Einklang mit zeitgenössischen Illustrationen, regulativen Anordnungen und obrigkeitlichen Bestimmungen, natürlichen, sich fortlaufend verknappenden (Holz-)Ressourcen und gleichzeitigem geschäftstüchtigem Denken zu skizzieren.

Uralte Traditionen im vorindustriellen Schiffsbau
Die flachbodigen Binnenschiffe erscheinen so als mehrheitlich geradlinige und perfekt an die vorhandenen Mittel und Ansprüche adaptierte Weiterentwicklung eines zumindest antiken, eher sogar urgeschichtlichen Erbes. Letzteres wurde offenbar erst in der frühen Neuzeit ausschliesslich (?) am Bodensee und Genfersee durch neuartige Innovationen aus dem Kriegsschiffbau, wohl vor einem ökonomischen Hintergrund, beeinflusst. Derartige Veränderungen konnten, sicher auch aufgrund mangelnder Vergleichsmöglichkeiten etwa mit mittelalterlichen Funden, am Walensee-Zürichsee bzw. Vierwaldstättersee nicht festgemacht werden. Hier scheinen erst die beginnende Industrialisierung im 19. Jahrhundert, vielleicht aber auch schon die Marine, gewisse Anpassungen und Neuerungen zuzulassen, nachdem man sich über Jahrhunderte zuvor mit den immer gleichartigen Fahrzeugen zufrieden gab bzw. sich aufgrund von amtlichen resp. zünftigen Vorschriften oder der wirtschaftlichen Situation zufrieden geben musste.

Offensichtlich wurde allerdings, dass jede Gewässerregion ihre eigene Vielfalt an charakteristischen Transportfahrzeugen hervorgebracht und gepflegt hat, und gerade diese Mannigfaltigkeit unterschiedlicher "Typen" wohl erst im Ansatz bekannt ist. Vor allem aus diesem Umstand heraus ist noch einmal hervorzuheben, dass jeder neue Schiffsfund - egal welchen Alters! - das gegenwärtige Bild verändern, in jedem Fall aber erweitern kann.
Archäologisch fassen liess sich schliesslich auch die allerletzte Phase der mehrere Jahrtausende umfassenden Schweizer Schifffahrtsgeschichte, deren abruptes Ende trotz beherztem Überlebenskampfs vor knapp 100 Jahren zum endgültigen Aussterben der hölzernen Segelschiffe geführt hat.

Résumé - Riassunto - Summary

Angaben zum Band 35

Reitmaier,Thomas: Vorindustrielle Lastsegelschiffe in der Schweiz.,
Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 35,
Verlag Schweizerischer Burgenverein, Basel 2008. 236 Seiten; 277 Abildungen, z.T. farbig. mit Audio-CD
Preis Fr. 70.-
ISBN 978-3-908182-19-1;

Bezug:
- Schweizerischer Burgenverein, Blochmonterstrasse 22, 4054 Basel, Tel. 061 361 24 44, Fax 061 363 94 05, e-mail: info@burgenverein.ch, www.burgenverein.ch
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Abb.: Taucher am Wrack (E. 18. Jh.) vor Wädenswil/Zürichsee

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Abb.: Votivfigur mit Kreuz (15. Jh.), Weesen/Bauerngasse.

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Abb.: Die buchtartige, gute befestigte Zone im Bereich Weesen/Bauerngasse auf einem Aquarell um 1830 (Stiftung Weesen und Walensee, Claudio Flütsch; Xaver Bisig, Weesen).

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Abb.: Ledischiff im Hafen Riesbach/Zürich, um 1890 (Archiv Verkehrshaus Luzern).

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Abb.:Glasfenster (18. Jh.) mit Schiffsdarstellung in der Kindlimordkapelle von Gersau/SZ.

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Abb.: Votivtafel (wohl 17. Jh.) aus der Ridlikapelle, Beckenried NW.

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Abb.: Taucher im flachen Schiffsboden des Wracks (18. Jh.) vor Wädenswil (Stadt Zürich, Fachstelle Unterwasserarchäologie, Thomas Oertle).

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Abb.: Weesen/Bauerngasse: Profilwand der Baugrube im Jahr 2003 mit Schiffsrumpf , datiert 1527 (Kantonsarchäologie St. Gallen, Martin Schindler).

 
 

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