Mittelalter 2014/2
Heft 2014/2    2. Artikel

Das Kauf- und Rathaus in Schaffhausen von 1395

Ein multifunktionales Gebäude des Spätmittelalters

von Kurt Bänteli

Diskret und bislang wenig beachtet fügt sich das Gebäude mit seiner Schmalseite in die südliche Häuserzeile der Vordergasse ein, heute Hauptgeschäftsstrasse der Stadt. Damit präsentiert es sich dem Betrachter nicht mit seiner Längsseite wie dies seinem eigentlichen Status als Rathaus, als Sitz der heutigen Parlamente von Stadt und Kanton Schaffhausen angemessen wäre. Hinzu kommt der 1922 eingeführte und eher unverständliche Name «Rathauslaube», der eigentlich nur für den damals geschaffenen stützenfreien Saal im Obergeschoss gilt und Besucher des Gebäudes immer wieder verwirrt.

Bis vor wenigen Jahren war man der Ansicht, das Gebäude sei von Anfang an als Rathaus und in Etappen über Jahrzehnte hinweg erbaut worden. Die erste Nachricht stammt von 1382, als in einer Vereinbarung zwischen dem Rat und dem Nachbarn Heinrich von Mandach die Nutzung von Mandachers Brandmauer und die Ableitung des Dachwassers geregelt wurde. Die Einweihung setzte man mit der ersten Ratssitzung des neuen grossen Rates im Frühjahr 1412 gleich. Er bestand aus Handwerkern und Kaufleuten, die mit der Einführung der Zunftverfassung 1411 an der politischen Macht beteiligt wurden, die bis dahin in den Händen des Adels gelegen war.

Erst dendrochronologische Untersuchungen machten deutlich, dass das Gebäude in den Jahren 1394/95 errichtet wurde und damit die Quelle von 1382 nur als Absichtserklärung zu verstehen ist. Aus den Stadtrechnungen geht eindeutig hervor, dass es zuerst als Kaufhaus erbaut wurde um Waren zu stapeln, für den Handel und vor allem auch für den Jahrmarkt. Erst durch die Einbauten und Erweiterungen der Jahre 1411-13 kam die Funktion als Rathaus hinzu. Der Aufbau einer Häuserdatenbank in einem privaten Projekt ermöglicht es zudem anhand von Steuerbüchern, Stadtrechnungen und weiteren Schriftquellen seine mittelalterliche Einrichtung zu rekonstruieren und Porträts seiner Bauhandwerker, den Amtsleuten, von Räten, Richtern, Gefangenen, Besuchern der Stadt und vieler anderer nachzuzeichnen. Weiter überliefern die Quellen die Nutzung des Gebäudes als Kornhaus, Zeughaus, Ausstellungsraum, als Festsaal im Turnier und vermutlich auch als temporärer Hof der österreichischen Herzöge. Durch ihre grossen Hallen wurden die Kaufhäuser der mittelalterlichen Städte zu multifunktional nutzbaren Gebäuden der Bürgerschaft.

Bänteli, Kurt : Das Kauf- und Rathaus in Schaffhausen von 1395 - ein multifunktionales Gebäude des Spätmittelalters
Mittelalter – Moyen AgeMedioevoTemp medieval, Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins, 19. Jahrgang 2014, Heft 2, 59 - 69.

platzhalter

 
platzhalter
 
 
DE
FR
IT
RO
 
Geschäftsstelle des Schweizerischen Burgenvereins · Blochmonterstrasse 22 · CH–4054 Basel
T +41 (0)61 361 24 44
info@burgenverein.ch / praesident@burgenverein.ch