Mittelalter 2010/2
Heft 2010/2    1. Artikel

Glarner Burgen

von Rolf Kamm

Schriftliche Hinweise aus der Zeit, als die Burgen im Glarnerland noch bewohnt waren, fehlen weitgehend, ausser für Näfels und Windegg. Im Fall der Windegg-Burgen bleibt aber oft unklar, um welche Ruine es sich handelt. Aegidius Tschudi (1501–1572) gab den Ruinen zwischen Schwanden und Niederurnen ein historisches Gesicht. In seinen erfundenen Ergänzungen des Säckinger Urbars (um 1350) wies der Chronist jeder Glarner Burgstelle eine Familie aus säckingischem Dienstadel zu.

Die Burgen nehmen aber in der Glarner Historiografie eine Nebenrolle ein: Im Gegensatz zur Schlacht bei Näfels 1388, der Letzimauer oder dem «Beitritt zum Bund der Eidgenossen» 1352, stehen sie nicht für die traditionelle Befreiungsgeschichte, sondern für den «finsteren» Feudalismus. In der älteren Glarnergeschichte folgte der germanischen Urfreiheit die habsburgische Unterdrückung und dieser wiederum die Befreiung und die Bildung eines republikanischen Staatswesens. Für Ritter und Burgen war da – ausser als habsburgische und säckingische Amtleute beziehungsweise Verwaltungssitze – kein Platz. Interessanterweise stellte man dieses auf Tschudi zurückgehende Geschichtsbild auch im 20. Jh. kaum in Frage, obwohl man sich der Zweifelhaftigkeit von Tschudis Überlieferung schon im 19. Jh. bewusst war.

Nachdem wesentliche Teile von Tschudis Überlieferung als Fälschungen entlarvt wurden, ist mit einem Male den Glarner-Burgen ihre Geschichte abhanden gekommen. Die Ruinen gaben nun Rätsel auf und Antworten erhoffte man sich vor allem von der Archäologie. Trotzdem blieben die Ausgrabungen auf Sola (1927–29) bis 2005 (Sondierungen auf Benzigen) die einzigen Ausgrabungen auf einer Glarner Burgstelle.

Glarus war im Hochmittelalter schwach feudalisiert, aber keinesfalls «adelslos». Der lokale Adel wurde vor und um 1300 von der sich ausbreitenden habsburgischen Landesherrschaft verdrängt, weshalb der Abgang einiger Glarner Burgen und das Auftreten von Leuten mit glarnerischen Namen in Zürich in diese Zeit fallen. Der Niedergang des lokalen Adels war eine Folge der habsburgischen Expansion, nicht eines bäuerlichen Burgenbruchs. Lokale Adlige und Burgen überlebten das 14. Jh. nur in habsburgischen Diensten.

Vertiefte Kenntnisse über die Glarner Burgen könnten helfen, die Zeit vor der Festigung der habsburgischen Landesherrschaft besser zu verstehen. Diese Jahre zwischen 1200 und 1330 sind auch für die spätere Entwicklung von Interesse: Wahrscheinlich ging das Lenzburger, Kyburger und Rapperswiler Erbe im Glarnerland nur zum Teil an die Habsburger. Viele Rechte gelangten in die Hände bäuerlicher Aufsteiger, der Kirchgemeinden oder der verschiedensten Personenverbände, woraus der Landesherrschaft neue Konkurrenz erwuchs. Aus diesem Grunde sind die Glarner Burgen wieder etwas mehr in den Fokus verschiedener Interessengruppen und der Öffentlichkeit geraten. Das Bestreben, durch archäologische Grabungen mehr über die Burgen zu erfahren, steht dabei im Zentrum.

Kamm, Rolf : Glarner Burgen
Mittelalter – Moyen AgeMedioevoTemp medieval, Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins, 15. Jahrgang 2010, Heft 2, 49 - 61.

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