Mittelalter 2009/3
Heft 2009/3    1. Artikel

Die historisch belegten Flechttechniken von Kettenhemden und ihre Eigenschaften

von Markus Gut

Die hier in gekürzter und redigierter Form vorliegende Maturaarbeit setzt sich mit der Geschichte der Kettenhemden im Allgemeinen und den verschiedenen Flechttechniken von Kettenhemden im Speziellen auseinander. Das Augenmerk liegt dabei auf Europa.

Ursprünglich wohl eine Erfindung der Kelten wurde Kettengeflecht bis in die Frühe Neuzeit hinein zum Schutz vor Hieb-, Stich- und Schusswaffen verwendet; es besteht aus einzelnen Eisenringen , die nach einer bestimmten Technik ineinander geflochten werden. Das aufgrund des Aufkommens der Feuerwaffen ausgestorbene Handwerk der Kettenhemdschmiede wurde in jüngster Zeit von Mittelalter- und Fantasyfans wiederbelebt, wobei zahlreiche neue Flechttechniken erfunden wurden. Dies führte dazu, dass heute niemand mehr genau weiss, welche Flechttechniken einst tatsächlich Verwendung fanden und welche modernen Ursprungs sind. Meine Maturaarbeit versuchte mit folgender Fragestellung jene Unsicherheit zu beseitigen: "Wurden in der historischen Kettenhemdherstellung mehrere verschiedene Flechttechniken verwendet? Wenn ja, welche Vor- und Nachteile besassen die so gefertigten Kettenhemden?"

Im Verlaufe meiner Recherchen konnte ich beweisen, dass folgende drei Flechttechniken historische Verwendung fanden: die Keltische 6-in-1-Technik, die Europäische 4-in-1-Technik, und die Japanische 4-in-1-Technik. Dabei greifen 4 oder 6 benachbarte Ringe in einen Ring ein. Von der keltischen 6-in-1-Technik gibt es nur einen einzigen Fund in der Schweiz. Die Europäische 4-in-1-Technik wurde schon von den Kelten verwendet, von den Römern übernommen und war von da an, wie es scheint, die einzige in Europa und dem Orient verwendete Flechttechnik. Die Römer begannen zudem damit, die einzelnen Ringe zu vernieten, was das Aufbiegen der Ringe erschwert, jedoch einen enormen Mehraufwand erfordert.

Die Japanische 4-in-1-Technik konnte ich nur in Japan nachweisen, wo sie weniger zur Herstellung ganzer Kettenhemden, sondern vor allem dazu verwendet wurde, einzelne Rüstungsteile miteinander zu verbinden.

Als Anschauungsbeispiele für die verschiedenen Flechttechniken und um ihre Vor- und Nachteile besser zu verstehen, fertigte ich im Rahmen der Maturaarbeit eine Kettenhaube nach Europäischer 4-in-1-Technik und kleinere Ringgeflechte nach den übrigen untersuchten Techniken an. Dadurch konnte ich besser verstehen, weshalb sich die Europäische 4-in-1-Technik durchgesetzt hat: Die damaligen Kettenhemdschmiede Europas und des Orients entschlossen sich für eine Technik, welche zwar hohen Arbeitsaufwand erforderte (vor allem, wenn man die Ringe vernietete), diesen aber mit grosser Schutzwirkung, akzeptablem Ressourcenverbrauch und erträglichem Gewicht vergalt.

Gut, Markus : Die historisch belegten Flechttechniken von Kettenhemden und ihre Eigenschaften
Mittelalter – Moyen AgeMedioevoTemp medieval, Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins, 14. Jahrgang 2009, Heft 3, 65 - 90.

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