Mittelalter 2005/4
Heft 2005/4    2. Artikel

Burg und Städtchen Yvoire

von Laetitia Toullec

Die Zeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert war für die Herrschaftsbildung rund um den Genfersee eine sehr aktive Zeit. Alle angrenzenden Herrschaften trachteten danach, den kontinentalen Handelsweg von Italien nach Frankreich, Burgund und dem Deutschen Reich unter ihre Kontrolle zu bringen. Gegen Ende des 13. Jhs. versuchten die adligen Herrschaftsfamilien um den Genfersee mit allen Mitteln zu Handelshäfen am See und zu einem entsprechend geschlossenen Territorium zu kommen. Die unklaren Grenzen führten am Südufer des Genfersees in der Folge zu Kriegen zwischen den Grafen von Savoyen und den Grafen von Genevois und den Herren von Faucigny.

Graf Amédée V. von Savoyen (1285–1323) gründete oder befestigte in dieser Zeit eine Anzahl von Orten am Genfersee: 1285/86 Morges, 1295 Rives (bei Thonon), 1302 La Trouvière und 1318 Rolle. Zu dieser Serie gehört auch Yvoire, in dessen Besitz die Savoyer 1306 durch Tausch mit den Herren von Compey gelangten. Seine Gegenspieler waren auch nicht untätig geblieben: Gaillard, Lullin, Coppet, Bonne en Faucigny entstanden zur selben Zeit.

Zwischen Nernier und Rovorée liegt Yvoire weit in den See hinausgeschoben am günstigsten Punkt des Südufers. Von hier aus liess sich der gesamte Schiffsverkehr zwischen dem «kleinen See» (Coppet, Versoix, Hermance und Genf) und dem «grossen See» (Rolle, Thonon, Lausanne, Evian, Vevey und Chillon) beobachten; Ziel der Savoyer war es, den Einfluss Genfs gegen Osten einzudämmen.

Zwischen 1306 und etwa 1316 wurde die nun savoyische Ortschaft Yvorne mit Stadtmauern und Toren befestigt (Abb. 2 und 3). Ein schon vorbestehendes Festes Haus an der Spitze der Halbinsel wurde 1324/25 zur Burg ausgebaut (Abb. 1).

Aus den uns erhalten gebliebenen Abrechnungen der savoyischen Kastellane sind wir heute gut über den Bau der Stadtbefestigung und Burg informiert. An Bauholz erwähnt sind z. B. Eiche, Tanne und Nussbaum, an Bausteinen Molassesandstein (von Nyon und Coppet) und Tuff. Die Herkunft der Materialien liegt um den ganzen See verteilt, ebenso die der am Bau beschäftigten Handwerker (Abb. 4 und 5).

Von der mittelalterlichen Burg ist lediglich die Aussenhülle des Hauptturmes erhalten geblieben – 1925 wurde das Turminnere für damalige Verhältnisse komfortabel ausgebaut (Abb. 1). Obwohl in der Parzellierung die mittelalterliche Stadt noch gut erkennbar ist (Abb. 6), ist von der originalen Bausubstand lediglich das Maison Canton – benannt nach einem Besitzer um 1730 – erhalten geblieben: Ein turmartiges Gebäude mit Grundriss von 10 × 12 m und zwei Stockwerken, gedeckt mit einem (in der Form) originalen Pyramidendach (Abb. 7).

Toullec, Laetitia : Burg und Städtchen Yvoire
Mittelalter – Moyen AgeMedioevoTemp medieval, Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins, 10. Jahrgang 2005, Heft 4, .

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